Mietführerschein : Auf gute Nachbarschaft

Kennen die deutschen Wohngepflogenheiten (v.l.): Ali Kareem Abdulrazzaq aus dem Irak sowie Ramez Rajab und Mohammad Akkad aus Syrien haben den Mietführerschein gemacht.
Kennen die deutschen Wohngepflogenheiten (v.l.): Ali Kareem Abdulrazzaq aus dem Irak sowie Ramez Rajab und Mohammad Akkad aus Syrien haben den Mietführerschein gemacht.

Eine neue Fortbildung informiert Flüchtlinge über richtiges Heizen und Lüften, Abfalltrennung und Hausordnung in der Mietwohnung.

shz.de von
05. Juli 2018, 06:50 Uhr

Eckernförde | In den Herkunftsländern vieler Zugewanderter funktioniert Wohnen ganz anders als in Deutschland: Heizung ist häufig unnötig, Strom ist pauschal in der Miete enthalten, Müll wird nicht immer getrennt. Und Schimmel in der Wohnung ist in Wüstenländern kein Thema.

Da ist die Überraschung beim Nutzen der hiesigen Mietwohnungen vorbestimmt: Spätestens bei der ersten Stromkostennachzahlung wird klar, dass auch beim Wohnen in Deutschland manches anders funktioniert. Wie genau eine Mietwohnung gut genutzt wird, können Flüchtlinge und andere Interessierte jetzt bei einer Fortbildung lernen. Der Mietführerschein wird gemeinsam von der Stadt Eckernförde, dem Genossenschaftlichen Wohnungsbauunternehmen (GWU), der Abfallwirtschaftsgesellschaft Rendsburg-Eckernförde (AWR) und dem Verein Umwelt-Technik-Soziales (UTS) durchgeführt. An drei aufeinander folgenden Terminen lernen die Teilnehmenden vieles über energiesparendes Lüften, Umgang mit Gas- und Elektroherd, Wertstofftonnen und die Bedeutung der Nachtruhe. Ziel ist es, eine freundliche Nachbarschaft und ein gutes Verhältnis zu den Wohnungseigentümern zu fördern, hohe Nachzahlungen und im Extremfall Obdachlosigkeit zu vermeiden.

Das Angebot stößt unter den Geflüchteten auf großes Interesse. Viele haben bereits eine Wohnung gefunden und möchten „alles richtig“ machen, andere suchen dringend eine größere Wohnung und hoffen, dass die Vermieter auf den vorgelegten Mietführerschein positiv reagieren.

In einer leer stehenden Wohnung des GWU werden ausgiebig die Funktionsweisen von Thermostatventilen und Hausordnungen erklärt. Im Bildungszentrum ERLE der AWR wird den Teilnehmenden der Sinn der Vermeidung und der Trennung von Abfällen erläutert. Im letzten Seminar gab den Teilnehmern Jörg Faltin von der Verbraucherzentrale Schleswig-Holstein Tipps zum Sparen von Energie und damit von Geld beim Wohnen. Für die Flüchtlinge, die noch nicht alle Informationen auf Deutsch verstehen, stellt UTS in den Veranstaltungen Sprachmittler.

Gestern haben die ersten zwölf Teilnehmer ihre Mietführerscheine erhalten. Darunter war auch Ali Kareem Abdulrazzaq aus dem Irak. Er lebt seit drei Jahren in Deutschland. Schimmel ist in seiner Heimat kein Thema, deshalb waren für ihn die Informationen über das richtige Lüften sehr hilfreich. Ebenso wie man Strom sparen kann. „Ich habe im ersten Jahr eine Nachzahlung von 950 Euro leisten müssen“, erzählt er. Im Irak sei Energie um ein Vielfaches billiger.

Auch das Mülltrennen fand er interessant. „Ich habe am Anfang einmal meinen Biomüll in einer Plastiktüte in die Tonne getan und wurde sofort von einer Nachbarin darauf angesprochen. Seitdem habe ich nichts mehr falsch gemacht, werde aber immer wieder darauf angesprochen, wenn mal etwas Falsches in der Mülltonne liegt. Mit dem Zertifikat kann ich jetzt belegen, dass ich Bescheid weiß.“

Ramez Rajab aus Syrien hat ähnliche Erfahrungen gemacht. „Oft werden die Ausländer, die neu im Land sind, für die Fehler anderer verantwortlich gemacht.“ Dafür hat sein Landsmann Mohammad Akkad eine Erklärung: „Nur wenige Deutsche suchen den Kontakt zu uns. Ich werde nie angesprochen. Das ist ein großes Problem.“

Als besonders interessant empfanden alle drei den Besuch bei der AWR. „Bei uns wird der Müll vergraben oder verbrannt“, sagen sie und haben sich vorgenommen, so wenig Plastik wie möglich zu verbrauchen.

Der Kurs soll wiederholt werden und auch deutschen Mietern angeboten werden. Denn, so weiß es Andrea Bönig vom GWU, auch so mancher andere Mieter könnte eine Auffrischung der Kenntnisse gebrauchen.

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