Auf den Spuren des Schatzes des Priamos

Ernst Schliemann (l.) im Interview mit dem russischen Journalisten Prof. Dr. Vassily Ivanovich Kuzishchin, der die Troja-Listen entdeckt und den Stein ins Rollen gebracht hat.
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Ernst Schliemann (l.) im Interview mit dem russischen Journalisten Prof. Dr. Vassily Ivanovich Kuzishchin, der die Troja-Listen entdeckt und den Stein ins Rollen gebracht hat.

Ernst Schliemann, Urgroßneffe des berühmten Troja-Forschers Heinrich Schliemann, hat den Weg des Goldschatzes von Troja nachvollzogen

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02. Juli 2013, 12:06 Uhr

Eckernförde | Die Namensgleichheit ist kein Zufall. Heinrich Schliemann (1822-1890), der große Troja-Forscher und Entdecker des wertvollen Schatzes von Priamos, und der im Eckernförder Jungfernstieg lebende Ernst Schliemann sind verwandt. Der eine hat Archäologie-Geschichte geschrieben, der andere betreibt in Eckernförde und Damp kleine Yachtschulen, ist ein Urgroßneffe des berühmten Troja-Forschers und steht mit beiden Beinen im Leben. Ernst Schliemanns Urgroßvater war ein Bruder des berühmten Forschers, um dessen spektakulären Goldfund seit langem ein erbitterter Verteilungskampf zwischen Deutschland und Russland herrscht. Auch die Türkei meldet als Fundland des immens wertvollen Goldschatzes Ansprüche an, dessen Wert schon in den 1990er Jahren auf vier Milliarden US-Dollar geschätzt wurde und der seit dem 10. Juli 1945 im Moskauer Puschkin-Museum lagert. Da die direkte Linie Heinrich Schliemanns nach Auskunft seines Urgroßneffen Ernst inzwischen ausgestorben ist, zählen Ernst und sein in Dänemark lebender Bruder Horst Schliemann zum engeren Familienkreis des berühmten Archäologen. Erbansprüche hingegen erhebt Ernst Schliemann nicht.

Der 63-Jährige war in den 90er-Jahren ein gefragter Gesprächspartner für deutsche und russische Journalisten, Wissenschaftler und Politiker. So wurde Schliemann vom Tübinger Grabungsleiter Prof. Manfred Korfmann nach Troja eingeladen, 1991 fuhr er auf Einladung eines deutschen Fernsehteams nach Moskau und St. Petersburg, um dazu beizutragen, das Geheimnis um den Verbleib des Schatzes seines Urgroßonkels zu lüften. Gesehen hat er den Goldschatz nie, der seiner Kenntnis nach zeitweise vollkommen ungesichert in einem Schuhkarton in einer Garderobe des Puschkin-Museums gelagert gewesen sein soll, wie Schliemann sagt. "Davor saß nur eine alte Frau, die Strümpfe gehäkelt hat", sagt Schliemann. "In der Kulturnation Russland käme allerdings auch niemand auf die Idee, Kunstwerke anzufassen." Der damals noch in Bielefeld lebende Schliemann hat in der spannenden Umbruchphase der Sowjetunion mit führenden Politikern wie dem Kulturbeauftragten der UdSSR, Popov, dem Kulturminister Russlands, Solomin, und der Direktorin des Puschkin-Museums, Irina Antonova, gesprochen. Selbst Staatschef Boris Jelzin hat ihm kurz zugenickt, dann aber Popov "zusammengestaucht", weil der ein deutscher Fernsehteam empfangen hat, erinnert sich Schliemann. Irina Antonova war übrigens bereits 1945 als junge Kustodin (Kulturbeauftragte) mit für die Beschlagnahmung und den Abtransport des Goldschatzes mitverantwortlich. Schliemann hat während seines Besuches in Russland Teile der Geheimdepots mit wertvollen, als verschollen geltenden Gemälden gesehen, die lieblos in Holzgestellen eingespannt waren. Noch heute blättert er gelegentlich in den beiden Aktenordnern mit der Aufschrift "Troja", in denen er Dokumente, Briefwechsel und Zeitungsberichte aufbewahrt.

Die Besitzansprüche und das Gezerre um die sogenannte Beutekunst nach dem Zweiten Weltkrieg zählt zweifellos zu den sensibelsten Themen in den deutsch-russischen Beziehungen. Selbst 68 Jahre nach Kriegsende haben gerade vor wenigen Tagen unterschiedliche Auffassungen dafür gesorgt, dass die Staatschefs Putin und Merkel in der Eremitage von St. Petersburg mit versteinerten Mienen nebeneinander saßen - ein Sinnbild für die große Bedeutung dieses Themas für beide Seiten wie auch für die kulturpolitische Sprengkraft dieser nach wie vor ungelösten Frage.

Im Mittelpunkt steht der Schatz des Priamos, auch Goldschatz von Troja genannt. Heinrich Schliemann war 1873 in der Türkei auf den sensationellen Fund gestoßen, hat ihn ausgegraben, illegal außer Landes nach Athen geschafft und mehrfach vergeblich großen Museen - unter anderem der Eremitage in St. Petersburg und dem Louvre in Paris - angeboten, ihn schließlich über London ins Völkerkundemuseum nach Berlin geschafft und 1881 "dem Deutschen Volke zu ewigem Besitze und ungetrennter Aufbewahrung in der Reichshauptstadt" geschenkt. Doch die Ewigkeit erwies sich als endlich: 64 Jahre später transportierte die siegreiche Rote Armee den sagenhaften, aus 8000 Gegenständen bestehenden Goldschatz von Troja nach Moskau, lagerte ihn in Geheimdepots und leugnete dessen Existenz hartnäckig bis 1991 - dann tauchten Sammlungslisten in russischen Archiven auf, russische und später auch deutsche Journalisten erfuhren davon, machten es publik. "Das hat den Schatz gerettet", sagt Ernst Schliemann, weil dadurch verhindert wurde, dass Schatzjäger aus aller Welt sich scheibchenweise bedienen konnten. Heute wird der Schatz des Priamos in der ständigen Sammlung des Moskauer Puschkin-Museums gezeigt - Berlin muss mit einer originalgetreuen Nachbildung des Goldfundes vorlieb nehmen.

Und das dürfte auch so bleiben. "Wir müssen uns nichts vormachen: Die Russen werden die Sachen nicht mehr rausgeben", ist Schliemann überzeugt. Zumindest nicht an Deutschland. "Wehrmacht und SS haben 37 000 sowjetische Museen, Klöster und Kulturstätten ausgeräumt und so gut wie nichts zurück gegeben. Wenn Deutschland sich für den Überfall nicht entschuldigt und auf Russland zugeht - ich erinnere an den Kniefall von Willy Brandt in Polen - wird sich daran auch nichts ändern. Die Russen warten auf ein Zeichen, dann würde sich die Troja-Frage schlagartig anders behandeln lassen." Als kontraproduktiv hätten sich in dieser Angelegenheit die wenig vertrauensfördernden öffentlichen Erklärungen und Forderungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz erwiesen, sagt Schliemann. Sein Wunsch: der Bau eines Internationalen Museums in Troja - "doch davon sind wir weiter entfernt denn je".

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