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ALTERNATIVE STADTFÜHRUNG : Auf den Spuren des Faschismus in Eckernförde

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Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Der Stadtrundgang mit Albert Leuschner am Sonntagnachmittag beendete die Friedenswoche im Ostseebad. In Eckernförde gibt es einige markante Spuren aus der Nazizeit.

shz.de von
erstellt am 09.Mai.2016 | 05:31 Uhr

Ihre Namen auf dem Gedenkstein sind aufgrund der teils verwitterten Schrift nur schwer zu lesen, doch Albert Leuschner erweckt die Menschen, die hinter den Namen stecken, zum Leben und erzählt von ihrem Mut, ihrem Widerstand, den sie dem Naziregime in Eckernförde entgegenstellten – und von ihrem gewaltsamen Tod. Am Ende der Friedenswoche lud Albert Leuschner gestern Nachmittag zu einer Alternativen Stadtführung mit dem Titel „Auf den Spuren des Faschismus in Eckernförde“ ein.

Seit den 80er Jahren kümmert sich Albert Leuschner um das Thema Faschismus im Kreisgebiet und in Eckernförde – im Ostseebad ist der 66-Jährige bekannt für sein Engagement in der Aufklärung um die Nazivergangenheit. Der Gedenkstein auf dem Petersberg ist die zweite Station seiner Stadtführung. Einer der Namen lautet Richard Vosgerau. Er war der SPD-Führer in Borby, das bei der Kommunalwahl am 12.März 1933 noch nicht mit Eckernförde vereint war. Die Fischer und Arbeiter in Borby seien gegen die Nazis gewesen, verriet Leuschner seinen Zuhörern „und so war es eine Besonderheit, dass bei der Kommunalwahl die Nazis nicht gewannen, wie sonst überall im Land.“ Da der Landrat den KPD-Vertreter, der mit Vosgerau eine Mehrheit hätte bilden können, verhaften ließ, entstand ein Patt. Das Los musste entscheiden – und es fiel zugunsten Vosgeraus aus. Doch im April kam er in Schutzhaft bis Oktober 1933, wurde arbeitslos, war dann mehrere Jahre bei einer Versicherung tätig. Die Verhaftungswelle aufgrund des Stauffenberg-Attentats auf Hitler am 20. Juli 1944 erreichte auch Eckernförde. Alle alten Funktionäre wurden verhaftet und in Konzentrationslager gebracht – so auch Vosgerau, der nach Neuengamme kam. Er starb während des Angriffs der Alliierten auf das Schiff Kap Arkona, das Häftlinge abtransportierte.

Am 1. April 1934 erfolgte der offizielle Zusammenschluss von Eckernförde und Borby. Leuschner erklärte, dass die Verhaftung Vosgeraus durch den Landrat den Weg frei gemacht habe für Helmut Lemke, der als jüngster Bürgermeister des Dritten Reiches mit 26 Jahren Bürgermeister in Eckernförde wurde. Denn während Richard Vosgerau noch in Haft saß, wurde Lemke bereits am 24. Mai 1933 zum kommissarischen Bürgermeister bestellt. „Lemke ist ein Musterbeispiel für eine Reihe führender CDU-Politiker aus Schleswig-Holstein, deren Karriere im Nazi-Reich begann“, erzählte Abert Leuschner. Denn das NSDAP-Mitglied war von 1963 bis 1971 Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein. Leuschner berichtete den Teilnehmern, dass es zwar genügend Augenzeugenberichte aus der Nazi-Zeit gebe, dass es aber kaum gerichtsverwertbare Akten über Lemke gab. „Die Türen zu den Archiven waren für uns verschlossen – bis weit in die 80er Jahre hinein“, so Leuschner.

Eine der Teilnehmer der Führung war Renate Lindemann (77). Die Pastorin i. R. nahm zum ersten Mal an der Alternativen Stadtführung teil: „Mich interessiert die braune Vergangenheit Eckernfördes, davon weiß ich noch zu wenig.“ Dabei war auch Frank Affeldt aus Lindhöft. Der 47-jährige Kapitän gehört der Partei Die Linke an und hat ein politisches Interesse an der Geschichte.

Weitere Stationen des Alternativen Stadtrundgangs waren unter anderem die Zwangsarbeitergräber auf dem Borbyer Friedhof und der Gedenkstein am Mühlenberg für die gestrandeten Jüdinnen vor Booknis.

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Kontakt: albert.leuschner@gmx.de

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