70 Jahre Pippi Langstrumpf : Astrid Lindgrens Heldin ist bei Kindern im Kreis Pinneberg immer noch beliebt

Inger Nilsson, 1959 in Schweden geboren, gab Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf in fünf Verfilmungen in den Jahren 1969 und 1970 ihr Gesicht.
Inger Nilsson, 1959 in Schweden geboren, gab Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf in fünf Verfilmungen in den Jahren 1969 und 1970 ihr Gesicht.

Das stärkste Mädchen der Welt feiert am Donnerstag Geburtstag. Ihre Geschichten sind auch bei Kindern in SH immer noch beliebt.

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18. Mai 2015, 13:00 Uhr

Stockholm/Pinneberg | „In der Hoffnung, dass Sie nicht das Jugendamt alarmieren“ – mit diesen Worten schließt Astrid Lindgren (1907-2002) den Begleitbrief zu ihrem Manuskript „Pippi Langstrumpf“ an den Verlag Rabén und Sjögren. Es ist 1945, und die Schwedin weiß noch nicht, dass ihre Kinderbuchheldin weltweit Karriere machen wird. Am Donnerstag, 21. Mai, feiert das sommersprossigste und stärkste Mädchen der Welt seinen 70. Geburtstag.

Astrid Lindgrens Tochter Karin ist es zu verdanken, dass es die rothaarige Göre Pippi überhaupt gibt. Karin war sieben Jahre alt und lag mit Lungenentzündung im Bett, als sie quengelte, ihre Mutter solle ihr etwas vorlesen oder erzählen. „Was soll ich denn erzählen?“, fragte Astrid Lindgren, und Karin antwortete: „Erzähl’ von Pippi Langstrumpf!“

„Der Name war mir einfach so eingefallen“, erinnert sich Karin Nyman, die am Donnerstag 81 Jahre alt wird. Abend für Abend gab Astrid Lindgren dem Mädchen mit den abstehenden Zöpfen einen abenteuerlichen Charakter, stattete es mit einem Äffchen und den Nachbarskindern Annika und Tommy aus. Sie erzählte vom hohlen Baum, in dem Pippi Limonade versteckt, von der Villa Kunterbunt, in der sie ohne Eltern lebt, und vom schwarz-weißen Pferd auf der Veranda.

Dass Schwedens bekannteste Kinderbuchautorin die Geschichten von Pippi dann später auch zu Papier brachte, ist ebenfalls dem Zufall zu verdanken. Im März 1944 hatte sich Astrid Lindgren den Fuß verstaucht und war zu Hause zur Ruhe gezwungen. Sie begann, Pippis Abenteuer zu stenografieren. Zum zehnten Geburtstag bekam Karin dann am 21. Mai 1944 das erste mit der Maschine geschriebene Exemplar geschenkt. Neben die Widmung „niedergeschrieben auf Wunsch meiner Tochter Karin von ihrer Mutter“ war die Ur-Pippi gezeichnet. Ein Jahr später brachte der Verlag Rabén und Sjögren das erste Pippi-Langstrumpf-Buch heraus. Es sollte über Nacht Kinderzimmer revolutionieren.

„Pippi Langstrumpf“ wird am Sonntag, 21. Juni, vor dem Theaterschiff Batavia in Wedel aufgeführt. Mehr Infos dazu gibt es auf der Homepage. www.batavia-wedel.de

Bis heute ist Pippi Langstrumpf in 70 Sprachen übersetzt und weltweit mit zirka 60 Millionen Exemplaren verkauft worden. Genauso beliebt wie die Bücher wurden in Deutschland die Filme mit Inger Nilsson. „Die Nachfrage nach Pippi ist in den vergangenen Jahren relativ gleich geblieben“, berichtet Monika Frömming von der Pinneberger Buchhandlung Bücherwurm. „Das ist ein Kinderbuchklassiker, der von den Kindern auch heute noch gern gelesen und geliebt wird.“ Dasselbe Bild zeichnet sich in der Buchhandlung Steyer in Wedel ab. Eigentümer Gert Steyer sagt: „Pippi wird heute genauso gern gelesen wie vor 40 Jahren.“ Generell werde nach den Astrid Lindgren-Bücher „dauernd“ gefragt. Das weiß auch Selma Theophil von der gleichnamigen Buchhandlung in Quickborn zu berichten. Besonders beliebt seien heutzutage vor allem die neuen Bilderbücher wie „Pippi feiert Geburtstag“ oder „Kennst du Pippi Langstrumpf?“. „Die Leser werden immer jünger“, berichtet Theophil. Während vor etwa 20 Jahren die Kinder im Grundschulalter die Pippi-Geschichten noch selbst gelesen hätten, würden nun immer mehr Eltern ihren Mädchen und Jungen im Kindergartenalter die Erzählungen vorlesen.

Der Hamburger Verleger Friedrich Oetinger brachte das erste Buch 1949 auf Deutsch heraus. Erst 1975 sollte es in der DDR erscheinen, aber nur in geringer Stückzahl. Die Gestalt des übernatürlich starken und couragierten Mädchens Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf – so ihr vollständiger Name – mit Aussagen wie „Warum ich rückwärtsgehe? Leben wir etwa nicht in einem freien Land?“, erschien der DDR-Führung wohl suspekt.

Astrid Lindgren war nie daran interessiert, ihre Charaktere zu deuten. Zu Pippi allerdings gestand sie ein: „Wenn ich überhaupt eine bestimmte Absicht mit der Figur der Pippi hatte, dann die, dem Leser zu zeigen, dass man Macht besitzen kann, ohne sie zu missbrauchen.“ Die starke Neunjährige mit den Ringelstrümpfen und den großen Schuhen benutzt ihre Kraft höchstens mal, um ein Pferd anzuheben, die Polizisten Kling und Klang zum Narren zu halten oder eine Jungsbande zu verblüffen, die einen Kleineren ärgert. Und als die Diebe Donner-Karlsson und Blom in ihr Haus einbrechen, schenkt sie ihnen ein Goldstück aus dem Koffer voller Gold, den Pippis Vater, der Kapitän Langstrumpf, ihr gegeben hat.

Der TV-Sender Arte zeigt am Sonntag, 24. Mai, ab 22.15 Uhr die Dokumentation „Astrid Lindgren“. Regisseurin Kristina Lindström portraitiert darin die erfolgreiche Kinderbuchautorin.

Gerade zu Beginn wurde die anarchische Pippi kritisiert: Ein Mädchen, das nicht in die Schule geht, Tommy und Annika mit Lügengeschichten unterhält und einen Sack voller Süßigkeiten für die Kinder der kleinen Stadt kauft. Pädagogen attestierten Pippi die „Fantasie einer Geisteskranken“ und verdächtigten sie, Kinder zu Ungehorsam, Chaos und zum Lügen zu animieren. Die Literaturwissenschaftlerin Ebba Witt-Brattström hingegen beschreibt die Kinderbuchfigur in der schwedischen TV-Dokumentation „Astrid“ als eine „Widerstandsgestalt des Humanismus“. Sie meint, es sei kein Zufall, dass Pippi am Ende des Zweiten Weltkriegs zu leben beginnt, allein, wie so viele Kriegskinder ohne Mutter und mit einem abwesenden Vater.

Die Kinder haben Pippi von Anfang an geliebt: Ihren Humor und ihr großes Herz, ihre Schlagfertigkeit, ihre Hilfsbereitschaft und ihren Mut, Schwächere in Schutz zu nehmen. Die wenigsten identifizieren sich allerdings mit Pippi selbst, sondern stattdessen mit ihren eher braven Freunden Annika und Tommy. „So war es auch für mich“, sagt Karin Nyman.

Pippi steht für das Paradies einer Kindheit, das auch Tommy und Annika nicht verlassen wollen: Gemeinsam schlucken sie in der Villa Kunterbunt die Krummeluspillen, die sie niemals „gruß“ werden lassen. „Das ist nämlich gerade der Kniff“, sagt Pippi: Man müsse „gruß“ sagen statt „groß“. „Sonst fängt man erst richtig an zu wachsen.“ Am Donnerstag wird Pippi 70, und wir merken, dass sie nicht immer geschwindelt hat: Die Krummeluspille, die nicht erwachsen werden lässt, gibt es wirklich. In Pippis Fall macht sie sogar unsterblich.

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