Umgehört : Apotheken: Notdienste neu verteilt

Apotheker Dr. Lars Jess von der Apotheke am Bahnhof muss in diesem Jahr deutlich weniger Notdienste leisten.
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Apotheker Dr. Lars Jess von der Apotheke am Bahnhof muss in diesem Jahr deutlich weniger Notdienste leisten.

Mit einem neuen Notdienstsystem will die Apothekenkammer Ungleichheiten ausbügeln / Kunden müssen mit längeren Anfahrtswegen rechnen

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07. Januar 2015, 06:00 Uhr

Zum Jahresbeginn 2015 ist der Apothekennotdienst in Schleswig-Holstein neu organisiert worden. Kern der Neuerung: Aus 50 einzelnen Notdienstringen entsteht ein Gesamtnetz für ganz Schleswig-Holstein. Die flächendeckende Arzneimittelversorgung wird unter Einbindung aller Apotheken in einem 24-Stunden-Notdienst sichergestellt. Ein spezielles Programm soll dabei die Lasten der Nachtschichten gerechter als bisher auf die 730 Apotheker im Land verteilen. Eingeschränkte Notdienste, also stundenweise, gibt es seit dem 1. Januar nicht mehr. Die Versorgung für die Bevölkerung soll optimiert werden. Da dann keine Teildienste mehr möglich sind, können die Bürger in klar definierten Entfernungen eine dienstbereite Apotheke finden, die stets einen 24-Stunden-Dienst (8 bis 8 Uhr) leistet. Einfach abzurufen ist eine Übersicht im Internet unter www.aksh-notdienst.de.

Verteilt werden die Dienste nach Vorgaben wie etwa die maximal zumutbare Entfernung zur nächsten Apotheke. In Großstädten mit über 70  000 Einwohnern darf dieser maximal zehn Kilometer betragen, in Städten wie Eckernförde mit 20  000 bis 70  000 Einwohnern bis zu 16 Kilometer und in Kleinstädten (5000 bis 20 000 Einwohner) höchstens 23 Kilometer. Im ländlichen Bereich liegt der Maximalwert bei 38 Kilometern. Schleswig-Holstein ist bundesweit der dritte Bezirk der Apothekenkammer, nach Westfalen-Lippe und Nordrhein, der seine Notdienste auf diese Weise organisiert.

In Eckernförde herrscht Erleichterung angesichts der Neuregelung. „Unsere Notdienste reduzieren sich von 54 auf 32“, sagt Dr. Lars Jess von der Apotheke am Bahnhof. Nun würden alle Kollegen in das Notdienstesystem eingebunden werden. „An der Westküste hat es sogar Apotheken gegeben, die 150 Notdienste im Jahr gehabt haben. Für uns werden die Notdienste nun auch flexibler, es wird einfacher, sie zu besetzen“, sagt der Apotheker.

Von einer „gerechteren Regelung“ spricht auch Dr. Hanns-Georg Scharf, Inhaber der Löwen-Apotheke in Eckernförde. Auch bei ihm reduzieren sich die Notdienste von zuletzt 52 auf nun 32 im Jahr. Er weiß aber auch: „Gerade ältere Leute könnten an einigen Tagen Probleme bekommen.“ Am vergangenen Sonntag, 4. Januar, hatte erstmals in 2015 eine Apotheke in Eckernförde Notdienst. Auch am kommenden Sonntag müssen Eckernförder längere Fahrten in Kauf nehmen. Die nächstgelegene geöffnete Apotheke ist in Gettorf. An allen Apotheken wird es wie bisher Aushänge mit den Notdienst-Apotheken geben.

Sigrun Kramer von der Riesebyer Apotheke will noch nicht voreilig über die Neuregelung urteilen. Da sie unmittelbar über ihrem Geschäft wohnt, hatte sie eine Schließungserlaubnis. „Wenn Kunden etwas benötigen, können sie jederzeit klingeln“, sagt Kramer. Nun sind es 33 Dienste, die sie fest übernehmen muss. Sie meint, dass man dem neuen System zunächst eine Chance geben sollte. Auch Dr. Lars Jess betont, dass 2015 quasi ein Probeballon ist. Innerhalb der Apothekerschaft werde man sich regelmäßig zusammensetzen, um gegebenenfalls nachzubessern.

Durchaus Nachbesserungsbedarf sieht der Owschlager Apotheker Alois Plagge. Vor der Neuregelung war er keinem Ring zugeordnet und somit in permanenter Dienstbereitschaft. „Wenn ich zuhause war, musste ich auch Notdienst machen“, so Plagge gegenüber der Eckernförder Zeitung. Nur im Urlaub oder bei anderen privaten Terminen konnte er auf die Rendsburger Kollegen verweisen. Aus dem Notdienstfonds, der bei der Übernahme von Notdiensten einen kleinen Ausgleich zahlt – rund 250 Euro – erhielt Plagge bislang keinen Cent. Das wird sich jetzt aber ändern. 2015 muss die Owschlager Anker-Apotheke 18 Notdienste leisten. Die permanente Bereitschaft falle für ihn dann weg. Doch beim Blick auf einige der Termine sieht Plagge Probleme auf die Patienten zukommen. „Wenn jemand aus dem Rendsburger Umland den Arzt im Krankenhaus aufsucht und anschließend ein Medikament benötigt ist, hat keine Apotheke in Rendsburg geöffnet. Das ist unlogisch“, kritisiert er.

In einer Presssemitteilung der Apothekenkammer heißt es angesichts der Entfernungen: Es darf nicht vergessen werden, dass es sich um einen Notdienst handelt. Dieser hat nicht die Aufgabe, eine möglichst bequeme Arzneimittelversorgung zu gewährleisten.


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