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Brass-Oratorium : Anne Frank: Ihr Leben ergreift und erschüttert

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Das Brass-Oratorium „Anne!“ in der St.-Nicolai-Kirche hinterließ die Zuhörer schweigend und trauernd.

Eckernförde | Ergriffen bis erschüttert entließ einen das Brass-Oratorium „Anne! damit wir klug werden“ in den grau-klammen Winterabend. Die Köpfe gesenkt, mit den Gedanken irgendwo – in längst vergangenen Tagen oder bei eigenen Sorgen und Nöten – zerstreute sich das Publikum rund um den Rathausmarkt.

Am Sonntag gaben Komponist und Landesposaunenwart Reinhard Gramm, seine Frau Marita als Texterin des „Brassicals“ und an die 80 Beteiligte in der St.-Nicolai-Kirche ein beeindruckendes Beispiel ihrer Arbeit. Was Blechbläser und Chor für eine Atmosphäre kreieren, für Stimmungen schaffen können, war enorm. Der Vokalkreis Hameln, die Projektchöre Itzehoe und Cuxland sowie Bläser und Schlagwerk des b-team-itzehoe spielten und sangen sich unter die Haut der Zuhörer. Auch die Klasse 13  c der Peter-Ustinov-Schule unter der Leitung von Musiklehrer Thorsten Plaß sang mit. Kim von Hein und Christiane Muehler verlasen Tagebuchauszüge der Anne Frank und zeitgeschichtliche Rahmendaten; Die Musiker illustrierten Ängste, Sorgen und Hoffnung der acht in einem Hinterhausversteck lebenden Niederländer in eigens dafür geschriebenen oder adaptierten Stücken – dicht, tief, intensiv, würgend. Uraufgeführt auf dem Kirchentag 2015 war die Nachfrage nach diesem Oratorium so groß, dass es seither auch andernorts gespielt wird – als Zeichen gegen Rassismus und Diskriminierung.

Anne Frank, diese lebhafte, neugierige 13-Jährige, wünscht sich nichts sehnlicher, als ein normaler Backfisch zu sein. Ihre ausführlichen Aufzeichnungen spiegeln wider, wie diese außergewöhnlichen, lebensbedrohlichen Umstände eine Schicksalsgemeinschaft prägen, die trotz permanenter Angst die Hoffnung auf Rettung nicht verliert. „Es beklemmt mich (...), dass wir niemals hinaus dürfen, und ich habe große Angst, dass wir entdeckt und dann erschossen werden. Das ist natürlich eine weniger angenehme Aussicht.“ Die Versteckten hören BBC, informieren sich über die Lage, hören von Bekannten, die verschwinden, von Lagern. „Es muss dort schrecklich sein. Wenn es in Holland schon so schlimm ist – wie ist es da erst in Polen?“

Der Zuhörer in den harten, kalten Kirchenbänken kriecht hinein in diese Worte, sie greifen nach ihm. Immer näher kommt der Druck, immer stärker empfindet man mit dem jungen Mädchen, wie diese bleierne Angst wächst und lähmt und belastet. Der Chor singt melancholisch, traurig, schleppend, ein schwerer akustischer Marsch nimmt alle mit; die Bläser tragen die Bürde mit. Disharmonien schrecken immer wieder auf, deuten das traurige Ende an, hier und da. Ein mildes, gedämpftes „Stille Nacht, heilige Nacht“,wie leise sinkender Schnee, transportiert keine Weihnachtsstimmung mehr, auch wenn es im Versteck schöne Momente gegeben hat zu diesem Feiertag. Vielmehr wirkt es wie Gesang aus einer fernen Zeit, wie durch eine Wand leise herüber klingend, aus der Wohnung einer glücklichen Familie, aus einer heilen Welt. „Schlaf in himmlischer Ruh...“ Im Februar 1945 sterben Anne Frank und ihre Schwester an Typhus. Keiner der Versteckten hat überlebt – bis auf ihren Vater. In seiner „Klage eines Vaters“ betrauert er nach dem Krieg den Verlust seiner Kinder, der Chor klagt mit ihm, die Bläser klagen; mit Totenstille quittieren die Zuhörer das Ende des Stückes, eine ganze lange Schweigeminute lang. Mucksmäuschenstill.

Das Stück „D-Day-Blues“ nimmt Worte von Eisenhower auf: „Harte Kämpfe werden jetzt kommen, aber danach der Sieg.“

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