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An Stärken arbeiten und Begabungen weiterentwickeln

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

shz.de von
erstellt am 01.Apr.2014 | 11:19 Uhr

„7 Wochen Ohne“, die Fastenaktion der evangelischen Kirche: Die Botschaft zur Passionszeit lautet in diesem Jahr „Selber Denken! 7 Wochen ohne falsche Gewissheiten“. Heute verrät der Jurist Karsten Fabel, was für für ihn dieses Motto bedeutet.

Dieses Motto sprach mich sofort an – muss ich doch in meinem Beruf als Rechtsanwalt, Notar und Mediator dauernd (!) selbst (!) denken, und dass ohne jede (!) Gewissheit!

Ich habe einen spannenden, fordernden Beruf, ganz dicht am Menschen, der mich um Rat, Vertretung oder Gestaltung bittet. Dabei helfen zu können, bewirkt allein schon berufliche Befriedigung. Aber es verlangt genau das: selbst zu denken, sich nicht zu verlassen auf präsentierte Wahr- oder Gewissheiten.

Da hilft es nicht, ja ist sogar gefährlich, ausgetretene Pfade zu beschreiten, getreu dem Motto: „das war schon immer so!“ Jeder Sachverhalt ist individuell, und so erfordert er auch eine auf den Einzelfall bezogene Lösung. Das schulde ich dem Mandanten, aber das macht auch den Reiz der Arbeit aus. Und zurücklehnen kann man sich dabei nicht, auch wenn Berufs- und Lebenserfahrung hilft.

Als Student begegnete mir erstmals der Satz: „Vor Gericht und auf hoher See sind wir alle in Gottes Hand“, gesprochen von unserem Ministerpräsidenten, der wohl in seiner Erwartung von der Justiz enttäuscht war.
Dieser Satz spiegelt Zweierlei: einerseits, dass die Gewaltenteilung lebt (die Judikative hatte die Exekutive kontrolliert und deren Gewissheit, es richtig gemacht zu haben, Grenzen gesetzt); andererseits: es gibt die eine Gewissheit, dass wir in allen Lagen doch auch alle in Gottes Hand sind.

Die Berufserfahrung aus 30 Jahren bestätigt: Das Vertrauen auf „Gewissheit“ ist trügerisch; nur eigenes Denken führt uns auf neue Wege. Juristerei empfinde ich wohl als konservativ, aber nicht als statisch oder gar rückwärts gewandt. Unterschiedliche Positionen allseitig zu beleuchten, die Auffassung anderer wahrzunehmen, sich mit ihr auseinanderzusetzen, erfordert eigenes Denken und Offenheit für die Gedanken anderer.

Dabei gaukelt uns die Informationsflut des Internets objektive Informationsmöglichkeiten, zu Gewissheiten zu gelangen, in gefährlicher Weise vor. Täglich erlebe ich das, und gerade im Beruf. Früher hatte das gedruckte Wort im Denken Vieler den Anschein der Wahrheit und Richtigkeit für sich; heute sind das die bei Google oder Wikipedia gefundenen, ebenfalls nur vermeintlichen Wahrheiten, mit denen wir uns in der Beratung kritisch auseinandersetzen müssen.
Da mag man schon gar nicht mehr glauben, was einem so berichtet wird: mit jeder Nacht danach wird der Unfallverursacher vermeintlich unschuldiger, der Täter doch eher zum Opfer anderer oder jedenfalls anderer Umstände; der „Knallzeuge“ zum Augenzeugen des Unfalls - obgleich erst durch den Unfallkrach aufmerksam geworden „weiß“ er als Zeuge vor Gericht, wie es zum Unfall kam, auch das Internet bestätigt meine Meinung …!

Als Anwalt kann ich da eher noch kritisch nachfragen, als Richter mag man bald gar nichts mehr glauben. Jede Schilderung könnte falsch sein. Gewißheit gibt es nicht.

Da hilft es nur, selber zu denken und sich nicht durch gedankenloses, aber bequemes alles-oder-nichts-Glauben und durch Berufung auf Regeln der Beweislast aus der eigenen Denkverantwortung für eine inhaltlich schwierige Entscheidung zu stehlen, wie es allzu häufig geschieht.
Aber auch dann, wenn das nicht zum Erfolg führt, so tröstet doch die eine Gewissheit die bleibt: am Ende sind wir alle in Gottes Hand. Und das sicher.

>Karsten Fabel ist Rechtsanwalt, Notar und Mediator in Eckernförde


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