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Eckernförder Zeitung

12. Dezember 2017 | 19:25 Uhr

Poetry Slam : Am Anfang war das Wort

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Beim zweiten Poetry Slam in Carls Showpalast haben sieben „verbale Sixpackträger“ um den Sieg gekämpft und dabei so manche Sprachperle verloren. Gewonnen hat ein Bremer: Sebastian Hahn.

shz.de von
erstellt am 22.Okt.2013 | 08:00 Uhr

„Worte, nur Worte, nur Worte...“ Was Dalida und Alain Delon vor Jahren zelebrierten, traf auch auf den zweiten Poetry Slam in Carls Showpalast zu – und dann wieder überhaupt nicht. Wo der Mann im Song eine Menge heiße Luft von sich gibt, war hier jedes Wort auch so gemein(t): unter der Lupe betrachtet, handverlesen, gedreht, gewendet, zerteilt, neu verfugt, geschärft und angewitzt.

Moderiert von Mads Mielke zogen sich am Sonnabend sieben verbale Sixpackträger vor dem Publikum aus. Logisch, war das hier doch Jury und fütternde Hand in Personalunion. Pascal Jerôme Hemeler, Michael „Eumel“ Reumann, Philipp „Scharri“ Scharrenberg, Andreas Wolter, Marcel Ostrowski, Sebastian Hahn und Thorge Zunft gaben sich das Mikro in die Hand, ihr Ausstoß an Buchstaben war riesig, der der Sätze mitunter nicht: Ein Text von Sebastian Hahn bestand aus vier bedruckten Seiten, aber nur einem einzigen Satz. Der Bremer dazu in seiner Ansage: „Meine fiktive Biografie mit erfundenen Begebenheiten aus einer erfundenen Jugend, die so nie stattgefunden hat, nie stattfinden wird und hoffentlich auch nicht das Leben eines anderen beschreibt und wenn doch, dann entschuldige ich mich bei demjenigen, denn alle in dieser Geschichte vorkommenden Sätze, und das ist nur einer, sind frei erfunden.“

Aber zurück zum Ausstoß: Es ging um das vielleicht für die Ergüsse zu dumme Publikum (Hemeler über sich: „Einer der acht Stunden im Zug saß und trotzdem nix zu sagen hat“), Reumann präsentierte den fürchterlichsten Witz („Kommt ein Skelett zum Arzt...“). Es ging um versauten Kram wie Küsse, Triebe und „Genitiv-Bereich“ im „Drama Sutra“ von Scharri, dem Dichter, und der Frau ohne Körper, der Muse. „Da sitz ich und möchte Gedichte verfassen/ Doch hat meine Muse im Stich mich gelassen./ So viel ich auch bettel’, mein Zettel liegt brach/ Das Fleisch ist zwar willig, der Geist ist zu schwach.“ Der charismatische Philipp Scharrenberg erntet dafür Applaus im Zehnerbereich und beweist seine Klasse: Im Jahr 2009 gewann er die Deutsche Meisterschaft in der Poetry-Slam-Team- und Einzelwertung.

Andreas Wolter aus Olpenitz beendet die Ode an seinen besten Freund durch einen Handgriff: „Das Verschließen des Reißverschlusses beendet die Unterhaltung“, Marcel Ostrowski steht zum ersten Mal auf einer solchen Bühne und hat allein dafür schon einmalig zehn Punkte verdient. Thorge Zunft aus Lübeck bringt Samenerguss in einen logischen Kontext zu Aldi („Die Taschentücher bei Aldi heißen Solo-Talent. Das ist kein Zufall.“) und erfreut damit den Saal.

Dann Auftritt Sebastian Hahn: Trotz Understatement, Selbstironie und Mutters-Liebling-Optik spürt man: Der hat es faustdick hinter den Ohren. „Die Verkäuferin auf dem Flohmarkt hatte eine Lederjacke für mich im Visier. Sie war sich sicher: Allen dicken Leuten steht Leder.“ Unter anderem die Auslassung über seine gnadenlos kritische Oma (Lahmarschige Menschen an der Kasse? „Töten.“) bringt der Jury Gewissheit: Das ist der verdiente Sieger des Abends vor Scharri und Andreas Wolter.

Hahns Freude über Sieg und Prämien brechen sich Raum: „Man mag es mir nicht ansehen, aber ich freu mich über die Schokolade mehr als über das Buch.“ Und setzt nach: „Es gibt so Preise, die lässt man gerne im Zug liegen. Aber die Schokolade nehme ich mit.“

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