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Eckernförder Zeitung

22. Oktober 2017 | 00:09 Uhr

Mitreissend : „Als käme man zu Verwandten“

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Das Berliner Ensemble Klezmer Chidesch begeisterte die Zuhörer im Eivind-Berggrav-Zentrum – nicht zum ersten Mal.

shz.de von
erstellt am 15.Okt.2013 | 06:15 Uhr

Altenholz liegt zwischen Bremen und Berlin – zumindest für Jossif Gofenberg und seine Musiker der Gruppe Klezmer Chidesch, die vom Klezmerfest in Bremen auf dem Heimweg nach Berlin diesen Abstecher unternahmen, um am späten Sonntagnachmittag im Eivind-Berggrav-Zentrum ein Konzert zu geben, das die Zuhörer in ein wahres Wechselbad der Gefühle stürzte. Es war das bereits vierte Konzert, das das Ensemble in Stift gab.

„Es sind mittlerweile richtige Freundschaften zwischen den Musikern und Altenholzer Bürgern entstanden“, sagte Irmela Bucher von der Friedensgruppe der Gemeinde, die das Konzert organisiert hatte. Der als „Klezmerkönig von Berlin“ bekannte Jossif Gofenberg bestätigte dies: „Wir kommen immer wieder gerne nach Altenholz. Man kommt hier nicht zu Fremden, man kommt zu Freunden. Mehr noch: Es ist, als käme man zu Verwandten.“

Das Irmela Bucher mit ihrer Aussage, dass die Gruppe Klezmer Chidesch zu den besten Klezmermusikern gehört, die sie kenne, Recht hatte, zeigte das Konzert. Die vier Profimusiker boten die gesamte Bandbreite der jüdischen Volksmusik – von traurig-melancholischen Stücken bis hin zu Titeln, die pure Lebensfreude vermittelten. „Klezmer umfasst das ganze Spektrum der jüdischen Kultur – von traurig bis freudig“, so Gofenberg, der es als Aufgabe sieht, seinem Publikum diese Kultur näher zu bringen und dem Klezmer offenbar zur Lebensaufgabe geworden ist. Als russischstämmiger Jude sagt er: „Ich esse gerne Borschtsch, aber spielen möchte ich keinen Borschtsch“. Spielen möchte er halt Klezmer.

Bereits im ersten Teil des Konzerts bekamen die rund 100 Zuhörer – vermutlich aufgrund der Herbstferien war das EBZ diesmal nicht wie bei vorangegangenen Konzerten brechend voll – die Vielfalt von Klezmer zu hören. Ruhige, eher nachdenklich stimmende Stücke wie „Saposhkelekh“ oder „Oy tate“ wechselten mit rasanten Titeln wie „Der neuer sher“. Neben traditionellen Klängen gab es auch Titel aus dem Amerika der 1920er und 30er Jahre zu hören wie das allseits bekannte „Bay mir bistu scheyn“. Und bei „The blessing nigun“, einem Stück für die Seele wie Gofenberg es nannte, wechselten sich bei so manchem Zuhörer sicherlich Gänsehautfeeling und Traurigkeit ab. Die Gesichtsausdrücke im Publikum sprachen Bände. Sie änderten sich allerdings schlagartig, sobald bei anderen Titeln wieder die Hände im Takt klatschten, die Füße steppten und die Körper teilweise zu schunkeln begannen, wie beispielsweise bei der Melodie „Wenn ich einmal reich wär“ aus dem Musical Anatevka – Lebensfreude pur eben. Oder wenn es beim Potpourri „Abi gezunt“, einem Stück mit leichten Jazzeinschlag galt, nach den Soli Zwischenapplaus zu spenden. Das Publikum selbst war auch gefordert – zwei Titel wurden mitgesungen. Zum einen das aus dem Warschauer Ghetto stammende und wieder nachdenklich stimmende „Donaj, Donaj“ und das Lied „Tumbalalajke“. Dafür gab es auch Belohnungen von Jossif Gofenberg: Jüdische Witze. Jene Witze, die mit hintergründigem Humor das Leben und Schicksal der Juden thematisieren. Witze, die aber nur Juden selbst erzählen können, wie Jossif Gofenberg betont. Aber nicht nur in den erzählten Witzen, auch in seiner gesamten Moderation durch das Programm zeigte Gofenberg durch kleine, wie nebenbei eingestreute Bemerkungen seinen Humor. Deshalb wohl auch konnte sich das Publikum am Ende auf die Frage, ob es als Zugabe einen Witz oder ein weiteres Musikstück hören wollte, nicht recht entscheiden und forderte schlichtweg beides. Ergo gab es beides – zunächst einen weiteren Witz und dann das, worauf viele wohl gewartet hatten: das wohl weltweit bekannte hebräische Volkslied „Hava Nagila“, bei dem es das Publikum dann auch nicht mehr auf den Plätzen hielt.

Dass auf das vierte Konzert von Klezmer Chidesch in Altenholz noch weitere folgen werden, davon kann man ausgehen, und darauf darf man hoffen.

 

> www.klezmerchidesch.de


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