Barrierefrei durch Brasilien : Als Journalist im Rollstuhl zur Fußball-WM

Berichtet im Namen des DFB von der Fußball-WM in Brasilien: Florian Hebbel aus Altenholz.
Foto:
1 von 2
Berichtet im Namen des DFB von der Fußball-WM in Brasilien: Florian Hebbel aus Altenholz.

Besonderer Blick: Altenholzer mit Handicap ist einer von 120 deutschen Journalisten in Brasilien.

shz.de von
03. Juni 2014, 13:05 Uhr

Altenholz | Wenn die Fußballwelt ab dem 13. Juni nach Brasilien schaut, dann sind 120 Journalisten aus Deutschland dabei. Einer von ihnen ist Florian Hebbel aus Altenholz. Als erster und einziger Reporter im Rollstuhl wird der 27-Jährige im Namen des DFB über die deutsche Elf berichten und für das Magazin Barrierefrei recherchieren, wie das Land für Menschen mit Handicap zu bereisen ist.

Wenn Sidney Sam, Mittelfeldspieler bei Bayer 04 Leverkusen, und Fin Bartels, Stürmer beim FC St. Pauli, in der Bundesliga auflaufen, dann hätte Florian Hebbel an ihrer Seite sein können – als Jugendlicher hat er mit ihnen in der Landesauswahl trainiert. „Ich war Torwart damals und sehr stolz“, erzählt der Altenholzer. Sogar das selbe Trikot, das einst Andi Köpke trug, durfte er überstreifen. Doch ein Badeunfall veränderte alles. „Inkomplette Querschnittslähmung“, erklärt Hebbel knapp. Danach habe er grundsätzlich mit nicht mehr wirklich viel Gutem gerechnet, gesteht er. Doch Familie und Freunde standen ihm zur Seite, er machte sein Abitur in Altenholz, studierte Psychologie in Kiel, hat gerade eine Ausbildung zum Psychotherapeuten begonnen und geheiratet. „Und nun fahr ich auch noch zur WM“, sagt Hebbel voller Freude mit einem leichten Unterton, der erahnen lässt, dass er es selbst noch gar nicht recht glauben kann, einen der begehrten 120 Presse-Plätze von der FIFA bekommen zu haben.

Begleitet von seinem Vater Wolfgang wird der junge Diplom-Psychologe in Porto Seguro in dem einzigen rollstuhlgerechten Zimmer eines Hotels wohnen, das 22 Kilometer von der Basis der deutschen Nationalmannschaft, dem Campo Bahia, in Santo André entfernt liegt. Spielorte sind Salvador (800 Kilometer), Rio de Janeiro (1100 Kilometer) und Fortaleza (3200 Kilometer). „Wir werden viel fliegen“, erklärt Hebbel, der den Strapazen gelassen entgegen sieht. „Die Fluggesellschaften sind gut auf Rollstuhlfahrer vorbereitet.“ Sein Ziel ist eine umfassende Berichterstattung über das Team von Bundestrainer Jogi Löw – online in einem Blog, über Facebook und Twitter, aber auch mit Interviews auf Youtube. „Ich bin schon etwas aufgeregt“, gesteht er. „Als Sportjournalist bin ich ja ein Quereinsteiger. Aber auch wenn ich noch nicht auf diesem Niveau gearbeitet habe, wage ich das“, schiebt er selbstbewusst hinterher und lächelt. „Ich kann gut schnacken und schreiben.“

Doch auch Land und Leuten gilt sein Blick und dem Tourismus aus Sicht eines Rollstuhlfahrers. „Ich habe offizielle Karten für zwei Achtelfinale in Rio und in Fortaleza. Mal sehen, wie man da ohne Presseausweis voran kommt und wen man so auf den Rollitribünen des Finalstadions trifft“, sagt Hebbel gespannt. Nachzulesen sein wird das im Herbst in der nächsten Ausgabe von Barrierefrei, wo er seit einem Jahr als feier Journalist schreibt. Er hofft, dass er damit frisch Verunfallten, die, wie er vor elf Jahren, ihr Leben völlig neu denken müssen, Mut machen kann, sie bestärken kann, nicht den Kopf in den Sand zu stecken. „Man muss die Dinge annehmen wie sie sind und nach vorne schauen, nicht nach hinten“, weiß Hebbel. Doch um das zu können, müsse man mit sich selbst im Reinen sein, und das müsse man erst lernen. Florian Hebbel hat das geschafft. „An Manuel Neuer wäre ich wohl eh nicht vorbeigekommen“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen