Als die Welt noch eine Platte war

Die Elvis-Platten waren gut tanzbar.
Die Elvis-Platten waren gut tanzbar.

Elvis Presley und die Faszination des Aufbruchs in der Nachkriegszeit

shz.de von
12. Mai 2018, 06:14 Uhr

„…und das ist Elvis.“ Irritiert, dass mein vierjähriger Enkel wie selbstverständlich diesen Namen ausspricht, folgt mein Blick seinem Zeigefinger. Tatsächlich, die Figur in „Feuerwehrmann Sam“, auf die Felix zeigt, ähnelt dem King of Rock’n’ Roll. Zumindest die unverkennbare schwarze Haartolle.

Elvis lebt. Keine Frage. In meiner Erinnerung und in der vieler anderer. Seine Musik hat mich durch einen ganzen Lebensabschnitt begleitet. Als Teenager, ich lebte in Unterfranken, lief auf meinem Transistorradio ständig AFN, der US-Soldatensender, dank der hier stationierten amerikanischen Einheiten. Elvis Presley, als GI in Deutschland stationiert, nahm 1959 im nahe gelegenen Wildflecken an einem Manöver teil. Die gefühlte räumliche Nähe zu dem Musikidol hatte für mich etwas Großartiges. War ich doch gerade aus Ost-Berlin nach Westdeutschland gekommen und noch von all dem Glanz beeindruckbar.

In der italienischen Eisdiele, beliebter Treffpunkt dieser Zeit, gab es etwa zwei Handvoll Interpreten/innen, deren Songs ich auf der Jukebox auswählte. Natürlich Elvis, gefolgt von Jonny Cash und Roy Orbinson, Paul Anka, Brenda Lee, Frankie Avalon, den ‚Honeycombs’ und den ‚Platters’, Diana Ross, Chubby Checker und Ray Charles. Einige ihrer Singles gehören zu den Schätzen, die ich noch heute besitze. Allerdings überstrahlen in den späteren 60ern die Beatles erst einmal alle.

Höre ich heute Elvis’ Songs, fühle ich mich sofort in jene Zeit Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre zurückversetzt, bin wieder 13, 14 Jahre. Alles scheint möglich. Das Leben lockt verheißungsvoll. Erst Petticoat, dann ‚Nietenhose’. Erste Liebe, erster Kuss – Elvis singt dazu ‚Kiss me quick’. Erster Liebeskummer - untermalt von ‚Devil in disguise’ und ‚Return to sender’. Engtanzen bei Schwarzlicht zu ‚Can’t help fallin’ in love’. Abhotten beim ‚Jailhouse rock’ und ‚Blue Suede shoes’.

Im August 1977 endet das kurze Leben des ‚King’. Er wird zur Legende. Aus dem charismatischen Musikrebellen ist eine tragische Gestalt geworden. Aus dem amerikanischen Traum das Trauma Vietnam. Zeitgleich endet meine Ehe mit dem Mann, den ich mit der, damals bei jungen Männern üblichen, Elvis-Tolle und Entenfrisur kennengelernt habe.

Mein Musikgeschmack hat sich längst gewandelt, ist geprägt von den Rebellen/innen und Poeten/innen der `68er. 1977 ist auch das Jahr, in dem mit dem Ersten Gesetz zur Reform des Ehe- und Familienrechts die „Hausfrauenehe“ abgeschafft wird. Es wird uns Frauen möglich, uns endgültig aus scheinbar unabänderlich vorgegeben Strukturen zu lösen. Ein für mich notwendiger und im Rückblick richtiger Schritt. Gäbe es doch ohne ihn weder meine Enkelkinder noch wäre Eckernförde der Ort, an dem ich seit Jahren zuhause bin.

Kluge Männer öffnen sich damals der Veränderung. Spüren sie doch, dass sich ihnen die Möglichkeit bietet, ihr Rollenbild zu hinterfragen und ein neues zu entwickeln. Offenbar ist dieser Prozess, angesichts der aktuellen Ereignisse, noch lange nicht abgeschlossen.

Die charakteristische Elvis-Tolle tragen heute eigentlich nur Elvis-Imitatoren. Allerdings - wenn ich den Trump sehe –, beschleicht mich aufgrund seiner Äußerungen und Handlungen das Gefühl, seine Frisur könnte ein Hinweis darauf sein, wo er in seiner Entwicklung stehen geblieben ist. Weit vor 1968 vermute ich.

Dorthin zurückkehren möchte ich nur noch in meiner Erinnerung.

Memories, pressed between the pages of my mind
Memories, sweetened through the ages just like wine (aus ‘Memories’ , Elvis Presley, 1968)


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