internationaler Museumstag : Als der Goldeimer noch Alltag war

An den „Goldeimer“ (rechts) können sich Brigitte Rave-Rieger (l.) und Ingrid Göttsche noch gut erinnern.
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An den „Goldeimer“ (rechts) können sich Brigitte Rave-Rieger (l.) und Ingrid Göttsche noch gut erinnern.

Erst 1974 wurde das letzte Haus in Eckernförde an die Kanalisation angeschlossen. Bis dahin war der „Goldeimer“ im Gebrauch. Einige Besucher der Nachkriegsausstellung im Museum konnten sich noch daran erinnern.

shz.de von
18. Mai 2015, 06:22 Uhr

Eckernförde | Nein, es waren keine Goldenen Zeiten, auch wenn ein Utensil aus der Eckernförder Stadtgeschichte diese Assoziation vom Namen her nahelegt: Der „Goldeimer“ gehörte vor 70 Jahren noch in jeden Haushalt. Er fing die Fäkalien in den Plumpsklos auf und war noch erstaunlich lange im Gebrauch. „Erst 1974 wurde auch das letzte Haus an die Kanalisation angeschlossen“, erklärte Stadtführerin Telse Vorbrook den Museumsbesuchern gestern am „Internationalen Museumstag“, der mit kostenlosen Führungen in die Ausstellung lockte. Telse Vorbrook begleitete die Gäste dabei durch die NS- und Nachkriegsgeschichte Eckernfördes.

Am Ende des Krieges gab es etwa 2500 dieser Zink-Kübel in der Stadt, die wöchentlich mit einem Pferdewagen abgefahren und auf einem Gelände am Pferdemarkt entleert wurden. „Wir nannten das Gebiet die Schokoladenfabrik“, erinnerte sich Besucherin Ingrid Göttsche. Manche Eckernförder nutzten den Inhalt ihrer Goldeimer aber auch als Dünger für den eigenen Garten. Der Bau einer stadtumfassenden Kanalisation wurde erst in den 50er-Jahren begonnen. „Erste Ideen dazu gab es zwar schon im 19. Jahrhundert, aber die Interessenverbände von Hauseigentümern und Mietern argumentierten mit den hohen Kosten dagegen“, so Telse Vorbrook.

Doch der Goldeimer war nur ein Aspekt der Führung, die mit den Erinnerungen und Erzählungen der Besucher eine eigene Dynamik entwickelte. Die nachgestellte Flüchtlingsunterkunft in der Museumsausstellung zum Beispiel erinnerte Wolfgang Taschka an sein eigenes Schicksal: Als Flüchtlingsjunge aus dem Sudetenland litt er unter der Ablehnung durch die Bevölkerung. „Flüchtling war damals ein Schimpfwort“, sagt er. Schließlich wurden die Flüchtlinge auch in Privathaushalten einquartiert, was vielen bitter aufstieß. Die Zahlen sprechen für sich: In Eckernförde wuchs die Bevölkerungszahl innerhalb des Jahres 1945 durch die Flüchtlinge von 16  544 auf 26  187 Einwohner. 14 Lager gab es damals in Eckernförde.

Aber nicht nur die Erinnerungen an schlechte Erfahrungen machten die Führung dynamisch, auch der Einfallsreichtum der Menschen, die ums Überleben kämpften fand Erwähnung: Stricknadeln aus Fahrradspeichen zum Beispiel oder Hochzeitskleider aus Fallschirmseide. Davon ist eines im Museum ausgestellt – von sechs Bräuten wurde es getragen. Eine Kochkiste könnte aus der Sicht des Energiesparers heute wieder in Mode kommen: Kartoffeln wurden aufgekocht und dann in die mit Holzwolle gut isolierte Kiste getan, wo die Knollen in dem lange heiß gehaltenen Wasser ohne weitere Energiezufuhr garten. Ingrid Göttsche hat sich diese Praxis bis heute bewahrt: Reis gart bei ihr weiter in der „Sofaecke“.

Insgesamt hatten die Eckernförder noch Glück: Trotz der militärischen Anlage der Torpedo-Versuchsanstalt wurde die Stadt nicht bombardiert. Wieso eigentlich nicht? Eine offizielle Begründung gibt es nicht, aber zwei Kollegen von Telse Vorbrook haben in England und Berlin nachgeforscht. „Vieles spricht dafür, dass die Engländer die Torpedopläne haben wollten und sie deshalb nicht vernichteten.“

Puppen aus Hafermehl und Papier, selbstgebaute Besen mit Pferdehaar, Öfen aus alten Torpedorohren – es war eine lebendige Geschichtsstunde, die mehr Lust auf einen Museumsbesuch machte. Genau wie die Vorführung der Modelleisenbahn von Eckernförde im Jahr 1951 und die Führung zum Thema „Eckernförde und das Meer“.

>Beim Internationalen Museumstag wird auf die thematische Vielfalt der mehr als 6500 Museen in Deutschland aufmerksam gemacht. Gleichzeitig sollen Besucher für die Museen begeistert werden. Die Besucherzahl an diesem Tag in Eckernförde konnte sich auf jeden Fall sehen lassen.

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