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Eckernförder Zeitung

18. Dezember 2017 | 01:04 Uhr

Seitenwechsel : Alles eine Frage der Haltung

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Redaktionsleiter Gernot Kühl erlebt einen Vormittag im Car Wash Center von Dirk Streich – und arbeitet mit.

von
erstellt am 02.Apr.2016 | 05:31 Uhr

In unserer Serie „Seitenwechsel“ tauscht die Redaktion die Tastatur gegen Schubkarre, Kochlöffel oder Motorsäge: Einen halben Tag lang arbeiten die Redakteure in einem anderen Beruf – und beschreiben, was sie erleben. Heute: Redaktionsleiter Gernot Kühl im Car Wash Center Streich. Als „Schreibtischtäter“ mit gelegentlichen Außenkontakten bietet die Serie „Seitenwechsel“ ungeahnte Möglichkeiten. Ungewohntes Terrain soll es sein, körperliche Arbeit statt Texte, Layouts und Konferenzen. Kurz gedanklich durchgescannt – dann war klar: die Autowaschanlage in der Rendsburger Straße, das wäre was. Die „Jungs“ dort sind immer gründlich und freundlich, das Auto blitzblank. Dirk Streich gibt „grünes Licht“, der Redaktionsleiter darf kommen und von 9 bis 13 Uhr von den „Saubermännern“ lernen. Um es vorweg zu nehmen: Ich habe viel gelernt und vor allem großen Respekt vor der hohen Professionalität des Streich-Teams. Jeder weiß, was er zu tun hat, jeder Quadratzentimeter Lack und Chrom werden von Hand oder Bürste bearbeitet und gereinigt und auf Wunsch auch poliert oder versiegelt. Die Kunden fühlen sich und ihr Auto umsorgt und werden freundlich lächelnd bedient. Zehn Minuten Auszeit und Entschleunigung für den Fahrer, zehn Minuten Intensivpflege durch die Männer in Blau.

Chef der Anlage ist Dirk Streich, Kfz-Meister, Berufssoldat und Tankstellenbetreiber, der früher auch die Star-Tankstelle gegenüber und zwei weitere in Schleswig geführt hat. „Wir hatten schon immer in Eckernförde ein gutes Waschgeschäft“, sagt der 53-Jährige. Als sich dann die Chance bot, die frühere Kistenfabrik gegenüber in der Rendsburger Straße zu haben, schlug er zu. Er kaufte, teilte das Gelände mit der Post und investierte 1,5 Millionen Euro. Im September 2006 eröffnete er die Autowaschanlage mit vier SB-Waschboxen, einer Pflegehalle für die professionelle Aufbereitung und zehn überdachten Saugerplätzen. Der Unternehmer aus Schaalby bei Schleswig hat seinen Schritt nie bereut. Streich beschäftigt fünf Vollzeitkräfte, zwei Azubis und zehn freiberufliche Aushilfskräfte und plant noch in diesem Jahr weitere Investitionen in eine neue Waschanlage. Die Energie für seinen Betrieb erzeugt er zu über 50 Prozent selbst: Auf den Dächern produziert er mit seiner Solaranlage 120  000 Kilowattstunden Strom pro Jahr, im Gebäude erzeugt ein kleines Blockheizkraftwerk Warmwasser für die gesamte Anlage.

Davon bekommen die Kunden weniger mit. Für sie zählen Service, Leistung und Qualität. Und die bekommen sie. Das fängt schon bei der Einfahrt in die Anlage an, wo frisch gebrühter Kaffee die Wartezeit angenehmer machen soll. Langsam arbeiten sich die Autofahrer Richtung Vorsprühbogen vor, durchfahren ihn langsam – und dann kommt das Team zum Einsatz. Und wie. An diesem Morgen ist Dirk Kubala, mein „Lehrherr“, erster Mann. Die Aufgabenverteilung wechselt ständig und wie selbstverständlich. Jeder weiß genau, was zu tun ist. Erst müssen die Außenspiegel und der Blickbereich der Scheiben mit einem weichen Lappen, warmem Wasser und Shampoo gereinigt werden, ebenso das Heck mit den Kanten und dem Kennzeichen, wo die Bürsten nicht so einen großen Anpressdruck entwickeln. Alles wird sorgsam gereinigt und für die Durchfahrt vorbereitet.

Das ist auch mein Job. Handschuhe trage ich nicht, dafür sind meine Hände später in der Redaktion richtig trocken, weil das Waschmittel Fett entzieht. Auch die Felgen und Schweller gehören an diesem Morgen mir: Die Reinigungsbürste mit langem Stil raus aus dem Eimer und ran ans Alu oder den Stahl, immer wieder eintauchen und zum nächsten Rad. Das Ganze möglichst unverkrampft, mit geradem Rücken und lockerem Handgelenk – schön wär’s: Wie es meine Art ist, wird aus der Felgen- und Schwellerreinigung fast ein Kampf mit den Elementen, als gäbe es keine Seitenbürsten und keine Waschanlage mit hocheffizienten Reinigungs- und Pflegeprogrammen mehr. Und als ehemaliger Fußballer immer die Knie in Lauerstellung gebeugt, Oberschenkel und Oberkörper zum Einsatz bereit und natürlich schön angespannt. Es dauert keine halbe Stunde, und ich merke mein Kreuz. Die Kollegen schmunzeln. Wenn sie so arbeiten würden, wären sie längst berufsunfähig. Dirk, Bernd und Klaus geben mir jede Menge guter Tipps, theoretisch hab ich’s drauf, aber so leicht, wie es vielleicht aussieht, ist es natürlich nicht, zumindest für mich. Dellen oder Kratzer habe ich aber nicht verursacht, die Kunden waren ganz entspannt, als sie merkten, dass ein „Hiwi“ sich an ihrem Auto zu schaffen macht.

Was die Profis da rund um die Karossen abziehen, verdient Respekt: schnell, gründlich, freundlich vom jüngsten Azubi Sam Nieber über den dienstältesten Mitarbeiter Bernd Jordan bis zum „Springer“ Klaus Gusinat, der früher bei der Telekom gearbeitet hat. Mit Pierre Krüger ist sogar ein Landesmeister der Fahrzeugaufbereiter – ein zweijähriger Lehrberuf – im Streich-Team. Der junge Mann hat den Titel 2013 gewonnen und ist nun eine der fünf Vollzeitkräfte. Das Streich-Team weiß, was es den Kunden schuldig ist. Die Professionalität und Freundlichkeit vom Empfang bis zum Einweisen in die Anlage sorgen für gute Trinkgelder und viel Stammkundschaft. Und das zahlt sich wiederum im Geldbeutel aus: ab 4000 Autowäschen pro Monat gibt’s einen Bonus von 200 Euro für jede Vollzeitkraft. Und wenn über 6000 Autos kommen, schüttet Firmenchef Streich 700 Euro pro Nase aus. Das motiviert und bessert das ebenfalls anständige Grundgehalt nochmals spürbar auf.

Ein Vormittag reicht, um die hohe Zufriedenheit der Kunden zu spüren – darunter auch Firmen wie Auto Jubt, Ford Schneider, punker und Behörden wie die Polizei und das Amt Schlei-Ostsee. „Sorgfältig, freundlich, ein tolles Team“, sagt Michael Nieschalk. „Das ist die beste Autowaschanlage im ganzen Kreis“, sagt Uwe Siemsen, Fleischermeister aus Osdorf. Und Stammkunde Hans Lucke muss zweimal gucken, wer ihm da die Felgen reinigt. Er hatte gerade die Meldung gelesen, dass der sh:z an die Neue Osnabrücker Zeitung verkauft werden soll – und nun der Redaktionsleiter plötzlich im Blaumann in der Autowaschanlage? Klar, welche Gedanken ihn spontan bewegten. Aber es war eben nur ein Seitenwechsel für einen halben Tag, kein Jobwechsel.




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