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Eckernförder Zeitung

19. Oktober 2017 | 22:58 Uhr

Ach Olympia – ein Nachruf

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Anmerkungen zur Absage der Hamburger Bürger an die kommerzielle Großveranstaltung / Paralympics stehen ideell höher im Kurs

von
erstellt am 08.Jan.2016 | 06:11 Uhr

Ein jeder aus der Trauergemeinde beweinte etwas anderes als kürzlich die Absage zu Olympia fest stand. Der Vorwurf, die Oplympiagegner hätten mit ihrem ablehnenden Votum dem Sport einen schlechten Dienst erwiesen, wird allzu vordergründig erhoben. Was will Olympia? Etwa einen völkerverbindenden friedlichen Wettkampf von Sportlern? Olympia war zu keinem Zeitpunkt ein Friedensfest, eher ein akzeptierter weil unterhaltsamer Kriegsersatz während eines Waffenstillstandes zwischen den verfeindeten Stadtstaaten auf der griechischen Halbinsel. Die Wettkampfdisziplinen: damals ein pures Kampftraining, heute eine Mischung aus klassischen Sportdisziplinen und ausufernden medaillenträchtigen Attraktionen. Bereits damals förderten die Städte ihre Spitzensportler - ging es doch um Ruhm und Ehre für die Stadt. Heute nennt man es wirtschaftliche Nachhaltigkeit. Im Schlepptau des großen Geldes zogen seinerzeit bereits Skandale in die Stadien ein, so dass der christliche Kaiser Theodosios die Spiele 393 auch deswegen verbot.

Erst ein gesteigertes Altertumsinteresse insbesondere für griechische Vorbilder führte Anfang des 19. Jahrhunderts zur Wiederbelebung der olympischen Wettkämpfe. Deren Schöpfer stellten sich die Spiele im Rausch ihrer antiken Überhöhung so edel vor wie die ausgegrabenen Statuen der Olympiasieger schön waren. Danach sollen die Olympischen Spiele der Neuzeit sportliche Wettkämpfe zwischen Athleten in Einzel- oder Mannschaftswettbewerben sein, nicht solche zwischen Ländern - sagt man. Dennoch wird eine Länderwertung über die Rangliste der gewonnenen Medaillen geführt. Das erstplacierte Land ernennt sich zum Sieger der Spiele und erhofft sich davon einen internationalen Prestigegewinn. Allerdings bewertet die Öffentlichkeit das Ansehen eines Staates differenzierter.

Die Akteure? Deren Begeisterung, sich im Wettkampf zu messen, blieb unverändert erhalten. Lupenreine Amateure dürften damals wie heute die wenigsten von ihnen sein. Noch vor mehr als 20 Jahren stritt man erbittert um den sogenannten Amateurstatus. Das Thema diskutiert heute niemand mehr. Seit 1992 dürfen nach den liberalisierten Teilnahmeregeln auch Profis an den Wettkämpfen teilnehmen. Mit einem puristischen Amateurverständnis lassen sich die gegenwärtigen hohen Leistungsanforderungen ohnehin kaum erreichen. Daher wird der Leistungssport staatlich gefördert. Die besten Voraussetzungen dafür bieten neben Militär und Polizei große Vereine. Mit individuellen Ausnahmen.

Den damaligen Gewinnern winkten Wohlstand und Steuerfreiheit. Derzeit variieren Art und Höhe der Siegerprämien lediglich von Land zu Land. Reichtümer erwerben nur wenige und deren Ruhm verblasst auch noch bald. Mit individuellen Ausnahmen.

Damals strömten an die 40  000 Menschen in den olympischen Hain. Potentaten reisten mit großem Pomp an. Ein Sehen und Gesehen werden gehörte schon damals zum inoffiziellen Beiprogramm, genauso wie heutigentags die aufwändigen Eröffnungsfeierlichkeiten das gastgebende Land im Fernsehen herausstellen. Unabhängig davon begeisterten die Wettkämpfe die Zuschauer schon immer, rissen mit. Auch das änderte sich nie, denn abermillionen Fernsehzuschauer verfolgen die Spiele und nicht wenige in den Stadien.

Auch die Händler machten seinerzeit ein gutes Geschäft, verkauften Speisen und Souvenirs. Die Spiele der Neuzeit wuchsen indes zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig heran - mit allen Nebenwirkungen. Sponsoren diktieren die Sendezeiten und sorgen damit für eine günstige Platzierung ihrer Werbeblöcke im Fernsehen oder bestimmen verdeckt über die Austragungsorte der Spiele, deren Bewerber sich einem Verdrängungswettbewerb stellen müssen mit unkalkulierbaren Finanzrisiken. Aber das Internationale Olympische Komitee beharrt immer noch auf Idealen, die in der Wirklichkeit nie angekommen sind. Die Klagen über die unschönen Seiten dieses Spektakels - Doping, Bestechung, Eitelkeiten, unheilige Eide - nehmen kein Ende. So wuchert Olympia in seinen alten Verstrickungen ungebrochen weiter.

Verbieten - wie es einst Kaiser Theodosios tat - wird die Spiele heute niemand. Das öffentliche Desinteresse an den ideell entleerten Kommerz-Spielen jedoch wächst. Der olympische Gründungsgedanke - teilnehmen ist alles - lebt augenscheinlich nur noch bei den Paralympics. Das negative Votum zu der herkömmlichen Olympiade dürfte so gesehen nicht überrascht haben.

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