Auftakt Literaturabende : Abschweifung als poetisches Prinzip

Vertieft in den englischen Roman aus dem 18. Jahrhundert: Jürgen Bauer bei der Vorstellung von „Das Leben und die Ansichten Tristram Shandys“ von Laurence Sterne.
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Vertieft in den englischen Roman aus dem 18. Jahrhundert: Jürgen Bauer bei der Vorstellung von „Das Leben und die Ansichten Tristram Shandys“ von Laurence Sterne.

Zum Auftakt der traditionsreichen Eckernförder Literaturreihe stellte Jürgen Bauer den alt-englischen Roman „Das Leben und die Ansichten Tristram Shandys“ von Laurence Sterne vor. Das Pastorat Brookhörn war gut besucht. Geboten wurde schwere Kost.

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07. Januar 2015, 06:46 Uhr

Eckernförde | „Better late than never“ mag sich Jürgen Bauer gedacht haben, nachdem er während seines Anglistikstudiums die Lektüre von Laurence Sternes Roman übergangen hatte, aber nun das umfangreiche Werk aus dem 18. Jahrhundert vorstellte. Am Montag war die 800 Seiten starke Romansammlung Gegenstand der inzwischen traditionellen Eckernförder Literaturreihe.

Mit der Ankündigung von „Das Leben und die Ansichten Tristram Shandys“ hatte Jürgen Bauer zahlreiche Leser und Zuhörer erreichen können. So saß man im Gemeindehaus Brookhörn bei sparsamem Kerzenlicht und einem Glas Wein, lauschte gut eine Stunde lang Sternes schriftstellerischen Worten, unermüdlich vorgetragen vom ehemaligen Studienrat der Jungmannschule.

So einfach war das anfangs nicht – weder das Vorlesen noch das Zuhören - denn der altenglische Schriftsteller Sterne war Meister schier endloser Satzgebilde. Eine gehörige Portion Geduld und Konzentration war notwendig, um den minutiösen Beschreibungen, weitläufigen Einschüben, verwinkelten Gedankengängen zu folgen. Eine nachvollziehbare Handlung? Eher nicht. Man begegnet einer Handvoll Menschen aus der gehobenen englischen Bürgerschaft, die man so nach und nach näher kennenlernt. Tristram, der Sohn mit dem fälschlich übermittelten Namen und der durch Zangengeburt verunstalteten Nase wird geboren – jedoch braucht diese Geburt 300 Seiten Vorlauf. Auch eine neue Ehe bahnt sich an. Kleine sexuelle Hinweise – früher eher unüblich – lassen schmunzeln. Wie überhaupt das ganze Werk, geschrieben in neun Bänden zwischen 1759 und 1767, recht humorig und ironisch wirken kann, hat man sich erst einmal darauf eingelassen.

Die Reaktion der Zuhörer war unterschiedlich. Während die einen „Nichtigkeiten und Trivialitäten – eingebettet in Sprache“ formulierten, andere von Sprachästhetik, „Vorläufer des modernen Romans“ und Goethes Lob für Sternes Humor sprachen, umschrieb es Jürgen Bauer à la Sterne mit „Schreiben ist eine andere Form der Konversation“ – die Hauptperson Tristram Shandy wolle dabei die Einbildungskraft des Lesers lebendig halten.

Der Hinweis darauf, dass dieses Werk in seiner Wirkung zeitgebunden sei, traf es wohl besonders gut: Heute sei man schnelllebig, habe kaum Lust und Zeit, sich auf die eher als umständlich empfundene Sprache einzulassen.

Sicher war man allgemein jedoch sehr froh, durch Jürgen Bauers Engagement dieses Opus überhaupt kennenzulernen.

>Der nächste Literaturtermin ist am 25. Januar. Dann stellt Knut Kammholz „Der Distelfink“ von Donna Tartt vor, 20 bis 22 Uhr im Gemeindehaus, Brookhörn 18, keine Anmeldung erforderlich.



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