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Sexueller Missbrauch : 70-jähriger Vater verurteilt

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Ein 14-facher Vater muss für zweieinhalb Jahre ins Gefängis.

shz.de von
erstellt am 10.Jun.2016 | 06:41 Uhr

Eckernförde | Ein ungewöhnlicher Prozess ging am Mittwoch nach einem Marathonverhandlungstag im Schöffengericht Eckernförde mit der Verurteilung des Angeklagten zu Ende. Die Anklage lautete auf sexuellen Missbrauch von Schutzbefohlenen. Dem 70-jährigen 14-fachen Vater aus einer Gemeinde im Dänischen Wohld wurde vorgeworfen, seine damals 14-jährige Stieftochter von April 2009 bis Dezember 2012 in 32 Fällen missbraucht zu haben (wir berichteten).

Sichtlich schockiert reagierte sowohl der Angeklagte als auch seine Ehefrau, die während der Verkündung im Gerichtssaal saß, auf das Urteil, das Richter Tiedemann am Mittwoch nach fast neun Stunden Sitzung verlas. Noch kurz vor der Urteilsverkündung wies der Angeklagte, wie mehrfach in diesem Prozess, auf seine Unschuld hin. „Ich appelliere nochmal an alle: Ich habe nichts gemacht. Drei Jahre geht das schon so“, so der ehemalige Straßenbauarbeiter. Das Gericht verurteilte den 70-Jährigen zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren. Davon gelten sechs Monate aufgrund der langen Dauer des Verfahrens als verbüßt, so dass der Rentner für zweieinhalb Jahre ins Gefängnis muss. Ihm wurde zudem auferlegt, dem Opfer ein Schmerzensgeld von 5000 Euro plus Zinsen zu zahlen. Der Angeklagte muss die Kosten des Verfahrens tragen. Dem Urteil waren vier Verhandlungstage vorausgegangen, an denen sich Richter Tiedemann und die beiden Schöffen mit dem Tatvorwurf des heute 21-Jährigen Opfers auseinandersetzten. Das Opfer wurde durch eine Anwältin als Nebenklägerin vertreten. Eine Gutachterin, die die Persönlichkeit und die Glaubwürdigkeit der Stieftochter beurteilen sollte, nahm ebenfalls an dem Verfahren teil.

Erschwert wurde die Beweisaufnahme durch die teils schwer überschaubare Familiensituation. Der Angeklagte hat 14 Kinder aus drei Ehen, von denen ein Sohn bereits gestorben ist. Das Alter der Kinder liegt zwischen 44 und knapp zwei Jahren. Nach dem Tod seiner zweiten Frau, mit der er fünf Kinder hatte, heiratete er 2005 die dritte Frau, die so alt wie sein ältestes Kind ist. Diese brachte ihre Tochter mit in die Ehe. Zu dem Zeitpunkt war das spätere Opfer neun Jahre alt. Das Paar bekam sechs Kinder, die heute zwischen zwölf und knapp zwei Jahre alt sind. Die Großfamilie, die sowohl der Jugendhilfe als auch dem Jugendamt schon seit längerem bekannt ist, wohnt in einem alten, vom Angeklagten selbst nach und nach umgebauten Haus mit zwei Etagen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte auf einer Wiese, auf der Pferde gehalten wurden, die damals 14-Jährige mehrfach in einem Wohnwagen und auch in dem Haus der Familie sexuell missbraucht hat. Eine Zeugin, eine frühere Freundin und Arbeitskollegin des Opfers, die am Mittwoch vor Gericht aussagte, bekräftigte die Glaubwürdigkeit des Opfers, das sich heute in psychologischer Behandlung befindet. „Sie hat mir erzählt, dass ihr erster Freund ihr Vater war. Er hat sie entjungfert“, so die Zeugin. Bei Besuchen in der Familie habe sie den Angeklagten als „aufbrausend, laut und brüllend“ erlebt.

Gehört wurde am Mittwoch vor Gericht auch die 23-jährige Tochter des Angeklagten aus der zweiten Ehe. Der Angeklagte musste während der Zeugenvernehmung den Saal verlassen. Die Zeugin schilderte dem Gericht eine Situation im Haus, wie es sie häufig gegeben habe. Ihr Vater und ihre Stiefschwester haben immer gemeinsam Fußballübertragungen im Bett der Stiefschwester geschaut. Der Vater bekleidet mit einer Unterhose, die Stiefschwester mit einem Nachthemd. Das Zimmer der Stiefschwester befand sich in einem Durchgangszimmer zur Essküche. An einem Abend hätten sie und eine ihrer Schwestern von der Küche aus gesehen, wie der Vater auf der Stiefschwester gelegen habe, bei ihrem Anblick seitwärts aus dem Doppelstockbett gerollt sei und gerufen habe: „Da ist sie ja, die Fernbedienung.“ Erst 2013, wenige Tage nach der Anzeige, habe ihr die Stiefschwester erzählt, „dass er sie zu diesem Zeitpunkt vergewaltigt hatte“, so die Zeugin. Das häusliche Miteinander beschrieb sie als gewalttätig. „Es gab Arschtritte, einen Klapps auf den Hintern, Haareziehen, Armpacken.“ Richtig verprügelt habe der Vater die Kinder nicht.

Da das Opfer wegen Wahrung der Persönlichkeitsrechte unter Ausschluss der Öffentlichkeit ausgesagt hatte, beantragten sowohl die Staatsanwältin als auch die Nebenklägerin die Nichtöffentlichkeit der Schlussplädoyers, die fast eine Stunde in Anspruch nahmen, bevor der Angeklagte das letzte Wort hatte. Dieser saß mit zitternden Händen auf der Anklagebank, beteuerte seine Unschuld und vermutete einen Komplott seiner Kinder: „Ich weiß gar nicht, wie die immer auf alles kommen. Ich muss mich schämen für meine Kinder.“

Das Gericht folgte ihm nicht. „Wir sehen keinen Komplott“, begründete Richter Tiedemann das Urteil, „wohl aber den Wahrheitsgehalt der Aussage des Opfers.“ Die Familie des Angeklagten sei eine besondere. „Er war der Chef im Ring“, fand der Richter deutliche Worte, „er hatte nicht einmal das Unrechtsbewusstein dafür. Die Ehefrau hatte nichts zu melden“, so Tiedemann. Die Umstände der Tat erforderten eine Verurteilung, so der Richter.

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