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Eckernförder Zeitung

26. September 2017 | 11:27 Uhr

Wiedergefunden : 50 Jahre so nah und doch so fern

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Die Cousins Frank Ferdinand und Torsten Koter haben sich Jahrzehnte aus den Augen verloren, obwohl sie beide im Wohld zuhause sind

shz.de von
erstellt am 19.Apr.2014 | 08:00 Uhr

Sie haben sich erst im vergangenen Sommer richtig kennen gelernt, doch eigentlich kennen sie sich schon ein Leben lang: Die Cousins Frank Ferdinand (61) aus Osdorf und Torsten Koter (60) aus Stohl.

In dem Haus des Großvaters Christian Ferdinand in Schilksee hatte alles begonnen. Auch Frank Ferdinands Vater Hermann lebte mit seiner Familie in dem Gebäude mit dem eigenen Lebensmittelgeschäft, als der Großvater die Mutter von Torsten Koter, Edeltraud Wüstenberg, als Pflegetochter aufnahm. Frank und Torsten waren fast gleich alt. Auch als die Familie Koter in die Wehrmachtsbaracke nach Holtenau zog, sahen die Jungen sich noch regelmäßig und spielten gern miteinander. Nach dem Tod der Großeltern gab es allerdings einige Unstimmigkeiten zwischen ihren Eltern. „Und als wir mit sechs Jahren auf die verschiedenen Schulen in Schilksee und Holtenau kamen, haben wir uns aus den Augen verloren“, erinnert Frank Ferdinand sich. Dabei war die Zuneigung ja geblieben, und die beiden haben später gar nicht weit von einander entfernt ihr Leben aufgebaut.

Frank Ferdinand ging nach der Schule in die Ausbildung zum Koch in Puls Hotel in Strande. Nach der Zeit bei der Bundeswehr hatte er verschiedene Anstellungen, unter anderem auch in Idar Oberstein in Rheinland Pfalz. Aber er kam zurück in seine alte Heimat und arbeitet inzwischen seit 18 Jahren als Koch in der Forstbaumschule Kiel. Torsten Koter ging nach Schule und Wehrdienst nach Lübeck, um Bauingenieurswesen zu studieren und arbeitet seit vielen Jahren in Kiel bei der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung. „Jahrelang gleich um die Ecke von der Forstbaumschule. Das ist unser Lieblingslokal und höchstens 800 Meter Luftlinie entfernt“, erklärt Torsten lachend und schüttelt heute den Kopf – so nah und doch so fern.

Am Ende war es der jüngere Bruder von Torsten Koter, der am 5. Juli 2013 auf der Speisekarte die Reispfanne Ferdinand“ entdeckte, Eins und Eins zusammenzählte und nach dem Koch fragte. Die Telefonnummern wurden getauscht und der erste Kontakt kam zögerlich zustande. „Ich telefonier nicht so gern“, gesteht Frank schmunzelnd. „Ich auch nicht, aber als wir dann gesprochen haben, war es, als ob wir gerade mal 14 Tage nicht miteinander geschnackt hätten“, berichtet Torsten immer noch beeindruckt. Am 21. Juli 2013 besuchte Frank mit seiner Frau Renate den Cousin in Stohl. Auch seine Frau bestätigt: „Das war sofort unkompliziert und vertraut.“ Seit dem letzten Sommer treffen sich beide Familien unregelmäßig, aber immer gern. Die Männer schlagen zusammen Holz, treffen sich zum Grillabend und telefonieren jetzt oft. Nicht selten werden dann die „Geschichten von früher“ erzählt. „Meine Mutter hieß zwar Edeltraud Wüstenberg, aber unter dem Namen kannte sie kaum jemand. Alle nannten sie Antje Ferdinand und keiner weiß, wieso“, erzählt Torsten von seiner heute 82-jährigen Mutter. Das einzige Foto von den beiden kleinen Jungen hat ein Lebensmittelvertreter 1957 gemacht. „Damit hat er bei einem Fotowettbewerb den ersten Platz gewonnen. ,Rechts vor links’ hatte er die Aufnahme genannt. Wir waren sehr stolz, als er uns das Foto schenkte“, berichtet Frank.

Torsten hat einen Koffer mitgebracht, den er jahrelang auf dem Dachboden aufbewahrt hatte, aber nicht zuordnen konnte. „So einen Flüchtlingskoffer kann man nicht einfach wegschmeißen“, weiß er heute. Dass die Aufschrift - Margarethe Loyal, Osterby – und die Flüchtlingsnummer zu der Mutter von Frank Ferdinand gehörten, konnten die Cousins nun auch aufklären. „50 Jahre war der Koffer weg. Mein Onkel Manfred in Wuppertal will ihn unbedingt haben“, berichtet Frank. Neben den zahlreichen Erinnerungen verbinden die beiden aber auch viele Zufälle: Es stellte sich raus, dass sie viele gemeinsame Bekannte haben, sie buchen den Urlaub in Mecklenburg-Vorpommern nur wenige Kilometer voneinander entfernt, der eine arbeitet im Lieblingsrestaurant des Anderen. „Schon komisch“, sagt Torsten, „und ich dachte, er lebt in Süddeutschland.“ Auf die Frage, ob sie sich nun nach mehr als 50 Jahren noch einmal aus den Augen verlieren könnten, erklärt er lachend: „Jetzt weiß ich ja, wo der Kerl wohnt. Der wird mich so schnell nicht mehr los!“

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