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Nukleare Katastrophen : 30 Jahre nach Tschernobyl

vom
Aus der Redaktion der Eckernförder Zeitung

Europäische Aktionswochen: „Für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima“: Delegation besucht Gymnasium in Altenholz

Altenholz | Heute, am 26. April 2016, jährt sich die atomare Katastrophe von Tschernobyl zum 30. Mal. In der Nacht des 26. April 1986 geriet die vorgesehene Überprüfung von Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl, nahe der ukrainischen Stadt Prypjat, aufgrund von Bedienungsfehlern und Konstruktionsmängeln des Reaktors völlig außer Kontrolle. Es kam zu einer vollständigen Kernschmelze. Infolge von Explosionen wurde radioaktives Material in die Luft gestoßen, das die gesamte Umgebung kontaminierte und sich über Europa verteilte. Das Gebiet um den Reaktor ist bis heute unbewohnbar. Nach dem schweren Erdbeben und dem Tsunami vom 11. März 2011 kam es in gleich drei Reaktoren des japanischen Atomkraftwerks Fukushima Daiichi zur Kernschmelze. Der Super-GAU verseuchte nicht nur die Umgebung der Anlage radioaktiv, auch in der Hauptstadt Tokio, rund 250 Kilometer südlich, stiegen die Strahlenwerte. Nach wie vor sind rund 8000 Arbeiter ständig im Einsatz, um die Atomruine unter Kontrolle zu bringen.

Anlässlich der Europäischen Aktionswochen zum Thema „Für eine Zukunft nach Tschernobyl und Fukushima“ besuchten gestern auf Initiative der politisch den Grünen nahe stehenden Heinrich Böll-Stiftung drei Zeitzeugen mit Dolmetschern das Gymnasium Altenholz. Ihre Aufgabe war, die Folgen der Reaktorkatastrophen zu beseitigen. Martin Kastranek von der Heinrich Böll-Stiftung moderierte die etwa zweistündige Veranstaltung, die sich insbesondere an die Schüler der 9. Klassen richtete. Kernphysik sei jetzt Unterrichtsthema, sagte Physiklehrer Stefan Deppenbrock, der die Veranstaltung organisierte. Ihm sei wichtig, unter dem Aspekt Wissenschaft und Verantwortung, auch Nuklearkatastrophen zu thematisieren. Schulleiterin Cornelia Hörsting hofft, dass die Schüler sich durch die Veranstaltung auch auf politischer Ebene mit dem Thema auseinandersetzen. Sie weiß: „Zeitzeugen können ganz anders darüber berichten, als es ein Artikel in einem Geschichtsbuch je könnte.“ Die Aufgabe von Ärztin Jana Lasartschik aus Weißrussland etwa war, nach dem Reaktorunfall die Situation einzuschätzen, Wasser und Nahrungsmittel zu untersuchen und zu überlegen, wie den Menschen geholfen werden kann. Alexander Lisniak aus der Ukraine wurde als Zivilist einberufen, um die Folgen der Katastrophe zu beseitigen. Als Lastwagenfahrer musste er Stickstoff zu dem 4000 Grad heißen Reaktor transportieren, mit dem er abgekühlt wurde. „Die Erde war geschmolzen“, erzählte er. „Es war sehr gefährlich.“

Goboo aus Japan arbeitete zwölf Monate für einen Sub-Sub-Unternehmen des Energieversorgers Tepco. Er tritt unter falschem Namen auf, mit Sonnenbrille und Kappe, um nicht erkannt zu werden. Es sei von Tepco verboten worden, von der Arbeit zu erzählen, erklärte er. Er hatte die Schutzkleidung der Arbeiter zu kontrollieren und ihre Strahlenbelastung zu messen. Zuerst trugen die Arbeiter noch dickere Kleidung, dann immer dünnere. Und einen leichten Mundschutz, wie er auch zum Schutz vor Grippeviren getragen wird. Für ihn: „Ein Schauspiel für die Bevölkerung, um den Eindruck zu erwecken, dass die Gefahr abnimmt.“

Die Schüler hörten interessiert zu, wollten wissen, welche körperlichen Auswirkungen die Arbeit der Liquidatoren hatte, warum es keine bessere Schutzkleidung gab, und ob die gefährliche Arbeit der Liquidatoren anerkannt wurde. „Alle Liquidatoren sind heute Invaliden“, sagte Alexander Lisniak. „Mehr als 20  000 der insgesamt 340  000 Liquidatoren aus der Ukraine sind schon tot.“ Was die Schutzkleidung anging, sei man gänzlich unvorbereitet auf den Störfall gewesen. Niemand habe daran gedacht, wie gefährlich es ist. Es wurde in Militärkostümen und mit kleinem Mundschutz gearbeitet. Informationen gab es keine. Respekt zollt man den Liquidatoren schon. An jedem 26. April werde an sie gedacht, sagte Jana Lasartschik. Auch in Japan werden die Aufräumarbeiter als Helden gefeiert. Aber sie seien, wie Goboo es ausdrückte, sehr zwiegespaltene Helden.

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