30 Jahre Kunstwerke zu Besuch

'Ich begegne Menschen, mit denen ich über Bilder reden kann': So beschreibt Norbert Weber (r.) seine Freude an der eigenen Artothek.
"Ich begegne Menschen, mit denen ich über Bilder reden kann": So beschreibt Norbert Weber (r.) seine Freude an der eigenen Artothek.

Norbert Weber feiert runden Geburtstag seiner Artothek / 720 Leihkarten für Bilder vergeben / 500 Ausleihen pro Jahr

shz.de von
21. November 2011, 07:21 Uhr

Eckernförde | Der international anerkannte Galerist und Kurator Norbert Weber hat am Sonnabend einen 30. Geburtstag im Reetdachhaus am Ostseestrand gefeiert: 1981 rief er seine eigene, private Artothek ins Leben. Wie er am Sonnabend seinen wohlgestimmten Gästen berichtete, habe einst eine Installation den Anstoß dazu gegeben. In seiner Galerie befanden sich damals "Sand, ein paar blutige Tücher, eine Wasserschale mit Farn…", das habe doch die Eckernförder Besucher eher verschreckt als sie der Kunst näher zu bringen, meinte Norbert Weber mit einem Augenzwinkern. Aber wie ist es möglich, einen guten Zugang zu zeitgenössischer Kunst zu finden, wenn sich wenig Gelegenheit bietet, ihr regelmäßig zu begegnen, sich mit ihr täglich auseinanderzusetzen?

In Berlin und Kiel gab es bereits Artotheken. Norbert Weber eröffnete in Eckernförde die dritte, in diesem Falle eine ganz eigene. "Ich hatte das große Glück, dass ja stets nebenan in der Werkstatt frische Drucke zeitgenössischer Kunst entstanden - ich hatte also alles in Reichweite," freut sich der Galerist und Kunstmanager.

Wer habe schon das Geld, Originale zu kaufen? Mit einer Artothek eröffne sich hingegen die Möglichkeit, Bilder auszuleihen. Der Leihausweis ist kostenlos. 2,50 Euro für ein gerahmtes Bild für zwei Monate, auch das ist sehr wenig, wenn man bedenkt, wie viel es bringt. Man holt sich etwas Neues in die Wohnung, Originalkunst ins tägliche Leben. Jeden Tag aufs Neue begegnet man ihr, setzt sich mit ihr auseinander, findet hinein und kann nach einigen Wochen verlängern oder tauschen, und dann kommt ein neues Kunstwerk zu Besuch. Familienmitglieder, Freunde - alle haben sie die Möglichkeit der authentischen Begegnung. Das tut den Betrachtern gut und weitet Horizonte, das macht aber auch die einzelnen Künstler bekannt.

Weber: "Wenn sich ein Ehepaar nicht einigen kann, sage ich immer: Nehmen Sie doch zwei Bilder und für das Kind ein drittes, ein kleines’ - so kommt zeitgenössische Kunst unter die Menschen." Kunstvoller Tapetenwechsel in der kulturbewussten Fördestadt.

Inzwischen gibt es bereits 720 Leihkarten. Ein Ehepaar mit der Kartennummer "5" habe über 25 Jahre regelmäßig Bilder bei ihm ausgeliehen, berichtete Norbert Weber sehr zufrieden. Wie viele Bilder in einem Jahr entliehen werden? "Gut 500, denke ich," und der erfolgreiche Artothekbesitzer dankt ganz begeistert allen, die bisher bei ihm schon Kunst "abgeschleppt" haben: "Das bringt mir unheimlich viel Spaß. Ich begegne Menschen, mit denen ich über Bilder reden kann nach dem Motto was will uns der Künstler damit sagen?’" Große Heiterkeit unter den Gästen und die Gläser klingen zum Jubiläum.

Bürgermeister Jörg Sibbel gratulierte herzlich und hob die Bedeutung des Eckernförder Angebots hervor: "Im Rahmen der Kunstvermittlung wird Schwellenangst abgebaut, und so werden auch die Menschen angesprochen, die nicht ohne Weiteres zum Beispiel in eine Galerie gehen würden. Somit erfüllt die Artothek in Eckernförde seit 30 Jahren auch einen wichtigen Bildungsauftrag."

Eine Auswahl leihbarer Bilder ist im Ausstellungsraum der Galerie nemo bis zum 2. Dezember zu sehen.

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