Zeitgeschichte : 1945 - die Geschichte einer abenteuerlichen Flucht

Helmut Mohrmann mit dem Familientagebuch. Foto: Kühl
Helmut Mohrmann mit dem Familientagebuch. Foto: Kühl

Helmut Mohrmann hat im Familientagebuch geblättert. Authentische Schilderungen von Krieg und Flucht.

shz.de von
10. April 2013, 07:17 Uhr

Eckernförde | Ich möchte heute mal nicht von tanzenden Häusern berichten, sondern Sie in eine Zeit zurückversetzen, die wir Älteren fast alle auf irgendeine Weise erfahren haben. Sie werden nun fragen, wie ich gerade jetzt auf die Zeit vor 68 Jahren komme. Es gibt ein Familientagebuch, dass ich meinen Eltern zu Weihnachten 1945 schenkte, das ich selbst mit 13 Jahren unter Anleitung gebunden habe. In diesem Tagebuch ist die Zeit vom 29. April 1945 bis Weihnachten 1945 festgehalten worden, und jeder in der Familie sollte seine Erlebnisse in dieser Zeit aufschreiben.

Den Anfang machte ich, und dann schrieb mein Vater sehr ausführlich, aber Handgeschrieben in Sütterlinschrift. Diese Schrift können unsere Kinder und Enkelkinder nicht mehr lesen und so kam die Bitte meines Sohnes: "Vater, kannst du das nicht übersetzen?" Ich entsprach der Bitte und setzte mich an den Computer mit Ein-Finger-Suchsystem und habe schon 16 Din a 4-Seiten geschrieben und bin immer noch nicht fertig. Wenn man sich so hinein bewegt, Wort für Wort, Satz für Satz, habe ich alles bildlich vor mir. Ich freue mich, meinen Kindern ihren Opa, den sie nicht mehr kannten, weil er 1959 gestorben ist, darzustellen.

Es begann am 29. April 1945 in Reichenberg im Sudetenland. Die Russen war schon sehr nah gekommen. Mein Vater war Oberstleutnant beim Militär, und alle Wehrmachtsangehörige sollten abtransportiert werden. Mein Vater brachte uns morgens zum Zug, wir fuhren in die Ungewissheit und wussten nicht, wann und ob wir uns wiedersehen. Im Tagebuch meines Vaters, den wir erst im Oktober wieder in die Arme schließen konnten, ist alles aufgeschrieben. Am 8. Mai wurde die Dienststelle aufgelöst und die Autos wurden aufgeteilt auf Führerscheininhaber. Mein Vater bekam einen großen Mercedes für sechs Personen. Abmarsch gegen Westen. Alles löste sich auf. Nach einigen Kilometern ging der Wagen kaputt und keine Dienststelle und keine Werkstatt war mehr da, so mussten sie zu Fuß weiter. Treffpunkt war unser Geburtsort Plauen im Vogtland. Mein Vater erreichte Plauen mit viel Mühe und Entbehrung Ende Mai. Am 11. Juni waren wir inzwischen in München gelandet und wollten weiter zu unserem Treffpunkt Plauen. Als wir aber erfuhren, das die Russen nach Sachsen kommen, wollte meine Mutter mit meiner Schwester und mir, nicht mehr nach Plauen. Mein Vater versuchte inzwischen im halbzerstörten Haus unserer Großeltern Unterkunft für uns alle zu bauen.

In der Nacht zum 1. Juli 1945 marschierten die Russen ein. Bald gingen die Schikanen los. Alle Männer zwischen 16 und 65 Jahren mussten sich melden und als erstes das Gefängnis wieder aufbauen. Mein Vater war ja auch nicht mehr der Jüngste, er brach zusammen. Als sich auch noch jeder Stabsoffizier melden musste und auf der Liste stehende verhaftet wurden, bereitete mein Vater die Flucht vor. Er zog in den hinteren Teil des halb zerstörten Hauses und konnte von der Straße aus nicht gesehen werden. Er machte einen Fluchthelfer ausfindig und legte den Termin fest. Als er aber nicht kam, entschloss sich mein Vater, mit zehn weiteren Personen allein durch den Wald loszugehen. Sie hörten schon den Grenzbach plätschern, dann ein Ruf - "Halt!". Aus dem Dickicht kamen Russen, sie führten die Gruppe zum Grenzposten, sperrte sie in Ställe und verhörte die Mitglieder abwechselnd. Meinen Vater verhörten sie nicht, sondern durchwühlten sein Gepäck, nahmen ihm Uhren und Schmuck sowie auch einen guten Pullover weg. Nach Mitternacht kam ein Russe, leuchtete mit einer Taschenlampe die Schläfer ab. Zuerst dachten wir, er wollte eine von den jungen Frauen, aber nein, er blieb bei meinem Vater stehen und sagte "komm". Er zeigte aufs Gepäck und sagte "auch". Er führte mich durch das Dorf und dann in den Wald und sagte:, "Du Nachhause."

Dann irrte mein Vater durch den dunklen Wald und kam nach vielen Stunden am selben Ort wieder raus, aber jetzt wusste er wenigstens, wo er war. Er ging über den Grenzbach, aber vorher horchte er auf jedes Knacken. Nun war er in Bayern und in Sicherheit! Mit öffentlichen Verkehrsmitteln war mein Vater nach fünfeinhalb Monaten wieder bei uns in Kirchheim-Teck im Raum Stuttgart, wo wir bei Verwandten gelandet waren. Meine Mutter hatte unseren Standort meinem Vater über Boten mitgeteilt.

Das Weihnachtsfest 1945 war das schönste Fest, denn inzwischen tauchten auch meine beiden Brüder auf, und die Familie war wieder vereint.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen