Jubiläum : 100 Jahre Torpedos in der Bucht

Die Wehrtechnische Dienststelle 71 ist zu einem Erkennungszeichen in der Eckernförder Bucht geworden. Foto: Post
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Die Wehrtechnische Dienststelle 71 ist zu einem Erkennungszeichen in der Eckernförder Bucht geworden. Foto: Post

Der Torpedoschießstand als Vorläufer der Wehrtechnischen Dienststelle 71 wurde vor einem Jahrhundert gegründet

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08. Juni 2013, 07:21 Uhr

Eckernförde | Seit 100 Jahren werden in Eckernförde Torpedos erprobt: Am 9. Juni 1913 wurde der Torpedoschießstand Eckernförde als Außenstelle der Torpedowerkstatt Kiel-Friedrichsort von der Kaiserlichen Marine in der Bucht eingeweiht. Heute unterhält die Bundeswehr an gleicher Stelle die Wehrtechnische Dienststelle für Schiffe und Marinewaffen, Maritime Technologie und Forschung (WTD 71). "Dazwischen liegt eine wechselvolle, häufig dramatische, in mancher Hinsicht auch beklagenswerte Geschichte", sagt WTD-Stabsleiter Michael Janßen.

Die Geschichte des Schießstandes begann aus heutiger Sicht zumindest kurios: Als die Reichsmarine im Jahr 1911 mit dem Bau begann, war noch nicht einmal klar, dass sie auch Eigentümer des Grundstücks an der Bucht werden würde. "Pragmatisch hatte das Reichsmarineamt schon einmal mit dem Bau angefangen, ohne eine vertragliche Festlegung der Besitzverhältnisse abzuwarten", heißt es in einer Übersicht zur Geschichte der TVA. Erst ein späterer Beschluss des Magistrats der Stadt Eckernförde legte fest, dass der Grund für eine Mark pro Quadratmeter verkauft wurde.

Nachdem die Kaiserliche Marine in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die taktische Bedeutung von Torpedos erkannt hatte, forcierte sie die Torpedofertigung. Um genug Platz für die Erprobung der neuen Waffe zu haben, wurde unter anderem eine Torpedoschießbahnen in Eckernförde eingerichtet. 6000 Arbeiter waren 1918 dort beschäftigt.

Zu einer weiteren Kuriosität kam es nach dem ersten Weltkrieg: Der Versailler Vertrag gab vor, die noch unter dem Namen Torpedowerkstatt (T.W.) bekannte Marineabteilung zu schließen. Doch der Schießstand Eckernförde war nicht explizit genannt. Diese Lücke nutzte die Reichsregierung: So wurden die Torpedos weiter gewartet.

Ab 1919 hieß der Torpedoschießstand Eckernförde offiziell Torpedoversuchsanstalt (TVA). 1923 entwickelte, testete und fertigte die Reichsmarine wieder in vollem Umfang Torpedos. Ab 1935 wuchs die TVA unter der Kriegsmarine zu einem komplexen Rüstungsbetrieb an, die Infrastruktur wurde ausgebaut: Die TVA Süd im innersten Süden der Bucht bekam einen neuen Schießstand aus Beton. Die TVA Nord an im Norden an Borby angrenzend mit eigenem Schießstand wurde 1939 in Dienst gestellt. Das Areal umfasste damals das heutige WTD 71- und Marinegelände in Eckernförde-Nord. Die TVA Ost wurde in Surendorf errichtet und mit eigenem Schießstand 1940 fertig gestellt. Dort befindet sich heute noch eine WTD-Außenstelle. Anfang 1945 waren rund 6500 Menschen beschäftigt.

Im Mai 1945 besetzten englische Truppen die TVA, die die TVA Süd im Januar 1949 sprengten. Auf dem Gelände der TVA Süd verblieben der nördlichste und südlichste Gebäudekomplex, der heute Teil der WTD 71 Eckernförde-Süd ist. Als Relikte aus der TVA-Zeit sind an der Stirnseite des nördlichen Gebäudes und über einem der Eingänge des südlichen Gebäudes das Wappen der TVA und die im Mauerwerk hervorgehobenen TVA-Buchstaben zu erkennen.

Im April 1957 erfolgte mit dem Aufbau der Bundeswehr das erste Seezielschießen durch die Bundesmarine in der Eckernförder Bucht. Ende der 1950er-Jahre wurde die erste Nachkriegsentwicklung von Schwergewichtstorpedos angeschoben.

Nach weiteren Zusammenlegungen mehrerer Erprobungsstellen bekam die Dienststelle Anfang 2009 nach der Eingliederung der Kieler Forschungsanstalt für Wasserschall und Geophysik (FWG) ihren heutigen Namen mit Hauptsitz an der Berliner Straße. Sie beschäftigt sich an neun Standorten im Land mit der technischen Abnahme von Schiffen und Unterseebooten, mit Fragen der Navigation, der Funkkommunikation und der Elektromagnetischen Verträglichkeit. Sie hat Experten für Schiffbau und betreibt Einrichtungen für akustische und magnetische Messungen sowie Schock- und Vibrationsuntersuchungen. Der Schutz gegen Minen, Einsatzmöglichkeiten für autonome Unterwasserfahrzeuge und Sonarsysteme stehen ebenso auf ihrer Themenliste wie Radar- und Infrarottechnik. Der Forschungsbereich untersucht zudem Fragen zum Schutz von Walen und Delphinen. Zudem intensiviert sie die internationale Zusammenarbeit. Die WTD 71 hält die deutsche Torpedoentwicklung auf hohem technologischen Niveau. Damit wird der Torpedoschießstand seiner Aufgabe als einer stationären Erprobungsplattform weiterhin gerecht.

Da sich die WTD 71 nicht mit der früheren Nutzung der Anlage gleichsetzen will, wird zum 100-Jährigen nicht gefeiert. "Wir verstehen es nicht als unser Jubiläum", sagt Stabsleiter Michal Janßen. Es gibt lediglich einen kleinen Empfang im August für geladene Gäste.

>Bernhard Tiepolt hält am 20. Juni um 19 Uhr im Stadtmuseum den Vortrag "100 Jahre Torpedoschießstand Eckernförde 1913 bis 2013". Der Termin war ursprünglich für den 13. Juni angekündigt worden, musste aber verschoben werden.

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