Ein Artikel der Redaktion

Eckernförde Frischer Blick auf Lehmanns Erbe

Von Carola Flügel | 21.11.2011, 07:20 Uhr

Nico Bleutge aus Berlin erhält Wilhelm-Lehmann-Preis / Neue Biographie und neues Lesebuch werden vorgestellt und Sven Wlassack geehrt

Der Sonnabend der Wilhelm-Lehmann-Tage bot ein Füllhorn interessanter Informationen und Gespräche. Höhepunkt des Tages war die Verleihung des Wilhelm-Lehmann-Preises an Nico Bleutge. Der mit 10 000 Euro dotierte Preis, gesponsert von Stadt, Förde Sparkasse, Sparkassenstiftung Schleswig-Holstein, aber auch von vielen privaten Spendern, ist der höchstdotierte Lyrikpreis des Landes. Er dient laut Bürgermeister Jörg Sibbel der Erinnerung an den als Lehrer in Eckernförde tätigen Lyriker Wilhelm Lehmann, der Wiederbelebung, der Bemühung um Nichtvergesssen.

Die Jury, bestehend aus dem emeritierten Universitätsprofessor Uwe Pörksen, Lothar Müller von der Süddeutschen Zeitung, Knut Kammholz, Heinrich Detering und Schauspieler Hanns Zischler entschied sich in der Endauswahl unter sechs Lyrikern für den jungen Berliner. Er habe, so Laudator Dr. Jochen Jung aus Salzburg, sich einer Tätigkeit verschrieben, die "jahrelange Konzentration und Aufmerksamkeit erfordere. Er lasse sich Zeit. Nehme sich Zeit. Man wählte Bleutge, dem das Meer so viel bedeute. Man müsse in seinen Texten nicht nach Natur suchen, wohl aber nach dem Wort "Natur". "Hier beugt man sich vor, um genauer hinzuschauen." Er finde zu Bildern, die von großer Schönheit sind. Texte ohne Aufwand, ohne Virtuosengebärde. Warum Bleuke? Er habe sich zudem als Münchner über Tübingen und Berlin schon ganz gut an Eckernförde angenähert, sagte Jung lachend.

In einem lockeren "Werkstattgespräch" gaben zuvor David Scrase als Autor und Michael Lehmann als Übersetzer Einblicke in den Entstehungsprozess ihrer gerade erschienenen Biographie Wilhelm Lehmanns und beantworteten, mit britischem Humor oder norddeutscher Gelassenheit die Fragen der Zuhörer. Laut Scrase habe Uwe Pörksen, stellvertretender Vorsitzender der Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft, immer wieder gefragt, ob und wann es eine deutsche Übersetzung eines englischen Textes gäbe. Irgendwer stellte "...wahrscheinlich in diesem Jahrhundert" in Aussicht. Und dann sei Michael Lehmann gekommen. Der Enkel von Wilhelm Lehmann wollte übersetzen. Scrase stimmte zu.

Die Zusammenarbeit sei erfüllend und arbeitsreich gewesen. Als Familienmitglied der "merkwürdigen" Familie Lehmann habe der Enkel manches Mal Dinge gewusst, die der Autor im Original noch nicht erwähnt hatte. Höflich korrekt, aber präzise, fügte er diese Informationen hinzu, immer in Klammern, immer mit dem Zusatz "Anmerkung des Übersetzers." Scrase fand das gut. Dass auch der Verlag diese Ergänzungen übernommen hat, stieß bei beiden auf Gegenliebe.

Probleme über unleserliche Tagebucheintragungen des Eckernförder Lehrers und Naturlyrikers, Kritik am Frauenbild in der englischsprachigen Ausgabe, unterschiedliche Aussagen von Zeitzeugen oder Verwandten ("Ein guter Vater!", "Ein schlechter Vater") wurden zur Herausforderung, die Recherche von in Briefen beschriebenen Orten und Plätzen aber immer mal wieder von Erfolg gekrönt. Als der Sohn von Wilhelm Lehman, Berthold, anhand von Textstellen urteilte, Scrase gehe zu hart mit seiner Mutter um, konnte der Autor im Nachhinein feststellen: "Im Tagebuch war das Negative immer doppelt. Aber heute bin ich etwas objektiver, mein Bild von Martha ist verbessert und sanfter." Als er angefangen habe, war er unverheiratet. Ohne Kind. Als er aufhörte, geschieden. Mit Kind.

"Ich freue mich, dass ein reales Bild über Lehmann entsteht", leitete Knut Kammholz nach diesem Einblicken in die Arbeit an der Biographie über zu Jutta Johannsen, die als Schulleiterin in Eckernförde tätig ist. Sie stellte das von ihr Uwe Pörksen und Heinrich Detering herausgegebene Wilhelm-Lehmann-Lesebuch vor. "Die Lehrer entscheiden, wie viele und welche Gedichte Schüler heutzutage kennen lernen." Sie sollten, wollten oder müssten sich mit Lyrik befassen, wobei sich dieses Lesebuch - kein Schulbuch, kein reiner Gedichtband - besonders gut eigne. Man wolle Interesse wecken, Zugänge zu den Texten vermitteln. "Flügel schaffen", wie Wilhelm Lehmann mal gesagt habe.

Im Anschluss würdigte Knut Kammholz die Arbeit des scheidenden Kulturbeauftragten Sven Wlassak, der sich unermüdlich für die Wilhelm-Lehmann-Gesellschaft eingesetzt hätte. "Ohne Sie gäbe es die Gesellschaft nicht." In den 60ern hätte es schon einmal den Versuch dazu gegeben, man verschwand aber wieder in der Versenkung. "Weil es noch keinen Sven Wlassak in Eckernförde gab - damals."