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digitale medien Ein „wahres Synapsensterben“

Von Redaktion shz.de | 01.12.2014, 06:12 Uhr

Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer hat in einer neuen Vortragsreihe des Gymnasiums Louisenlund die Gefahren eines übermäßigen Gebrauchs neuer Medien hervorgehoben. Dabei komme es zu einem „wahren Synapsensterben“.

Aufmerksam sind alle Augen in der voll besetzten Kunst- und Kulturhalle im Internat auf die große Bühne gerichtet, auf der vor einer Leinwand mit eindrucksvollen und gleichzeitig beunruhigenden Bildern der renommierte Neurowissenschaftler und Hirnforscher Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer seinen zweistündigen Vortrag zum heftig diskutierten und aktuellen Thema „Digitale Demenz“ hält. In den Gesichtern spiegelt sich neben zeitweiligem Amüsement mit fortschreitender Argumentation des Direktors der Psychiatrischen Uniklinik in Ulm auch ein wachsendes Maß an Besorgnis wider. Und das scheint mit Blick auf die von Prof. Spitzer anschaulich präsentierten Ergebnisse der Auswirkungen digitaler Medien auf die Entwicklung des menschlichen Gehirns zumindest nicht unbegründet zu sein.

Am Sonnabend fand auf Louisenlund die erste öffentliche Vortragsveranstaltung in der Reihe „Morning Lecture“ statt, die Schulleiter Dr. Peter Rösner in Zusammenarbeit mit einem engagierten Team ins Leben gerufen hat. Ziel der Veranstaltungsreihe sei es, sich mit erziehungs- und bildungsrelevanten Phänomenen unserer Gesellschaft auseinander zu setzen , erklärte der Schulleiter. Es sei Aufgabe der Schule, wissenschaftliche Erkenntnisse der Zeit in den Bildungs- und Schulkontext zu integrieren, so Dr. Rösner in seiner Begrüßung. Da digitale Medien, insbesondere Smartphones, auch für die Schüler immer wichtiger würden, sei man um adäquate Reaktionsmöglichkeiten auf diese Entwicklung bemüht. Man habe Prof. Spitzer eingeladen, um für Risiken und Nebenwirkungen, die durch Medienkonsum entstehen können, zu sensibilisieren und Möglichkeiten eines verantwortungsvollen und nachhaltigen Umgangs mit digitalen Medien zu erläutern, erklärte Dr. Rösner.

Im Laufe seines Vortrags legte Prof. Spitzer den Fokus sehr deutlich auf die Altersgruppe der Kinder und Jugendlichen, denn in dieser Lebensphase sei das Gehirn besonders aufnahme- und lernfähig. Er beschäftigte sich vor allem mit den Voraussetzungen von Lernprozessen und setzte diese in Kontrast zu den seiner Meinung nach schädlichen Effekten mehrstündigen Medienkonsums, der inzwischen laut Studien bei fast allen Jugendlichen weltweit gegeben sei. Die Leistungsfähigkeit des Gehirns wachse mit seinen Aufgaben, betonte Spitzer immer wieder. Diese seien durch digitale Medien allerdings nicht gegeben. Im Gegenteil: Durch ihre übermäßige Nutzung komme es zu einem wahren Synapsensterben. Auch wenn er die Veranstaltung durch humorvolle Anekdoten aus der Praxis immer wieder auflockerte, so wurde er nicht müde, seine Zuhörer zum selbstständigen Denken anzuhalten.

Spitzer sieht jedoch nicht nur Kinder und Jugendliche durch digitale Medien bedroht. Auch die Bildungselite unserer Gesellschaft sei vor den Tücken im Umgang mit diesen Medien nicht gefeit, so der Hirnforscher. Studenten, die im Hörsaal nebenbei ihren Laptop aufgeklappt haben, schadeten ihrer akademischen Karriere mit der Lüge vom Multitasking erheblich. Multitasking sei schlicht unmöglich, gab er zu bedenken, denn kein Mensch sei in der Lage, zwei Bedeutungsgehalte gleichzeitig nachzuvollziehen. Abschließend wies er noch einmal auf die große Macht hin, die amerikanische Konzerne wie Microsoft oder Apple auf die Politik ausübten.

Das Publikum belohnte seinen Vortrag „Digitale Demenz“ mit tosendem Applaus, und als der Autor des gleichnamigen Buches anschließend noch für eine Signierstunde bei Snacks und Kaffee im Foyer der Halle zur Verfügung stand, wurde er augenblicklich von seinen Zuhörern umringt, die nachhaltig von seinen Ausführungen beeindruckt waren.