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Eckernförde Ein Leben zwischen Applaus und Geldsorgen

Von Michelle Ritterbusch | 18.08.2012, 03:59 Uhr

Gitano Lauenburger (15) ist Artist. Mit dem Circus Olympia bereist er Europa

Gitano Lauenburger führt ein Leben, um das ihn viele Jugendliche beneiden. Er bereist ganz Europa, ist jede Woche in einer anderen Stadt, hat einen eigenen sieben Meter langen Wohnwagen und seine eigene Ziegenherde. Der 15-Jährige ist der Sohn von Christian Lauenburger, dem Direktor des Circus Olympia. In der vergangenen Woche machte der Zirkus in Eckernförde Station.

Gitanos Tag ist bunt. Morgens um 6 Uhr steht er auf und geht als erstes zu seinen zehn Ziegen. Vor vier Jahren hat ihm sein Vater die Tiere geschenkt, seitdem muss sich Gitano selbst um sie kümmern. Das heißt: Die Tiere füttern, ihre Ställe ausmisten, sie striegeln und dafür sorgen, dass es ihnen gut geht. Tierarztbehandlungen und Futter bezahlt er aus eigener Tasche.

Das ist oft gar nicht so einfach, sagt Gitano. Denn er verdient jeden Tag nur so viel, wie der Zirkus an Einnahmen abwirft. Und dieses Geld wird dann unter der gesamten Mannschaft aufgeteilt. Das können in guten Zeiten 50 Euro in der Woche sein. Wenn es schlecht läuft, hat Gitano aber auch nur 5 Euro für eine ganze Woche.

"Viele Jugendliche gehen nicht mehr in den Zirkus", hat er festgestellt. Meistens seien es ältere Frauen mit ihren Enkeln, die ihm in der Manege zujubeln, wenn er wie seit seinem sechsten Lebensjahr den Clown Bebo gibt, eine Ziegendressur zeigt oder einen Salto Mortale über sechs Ponys vollführt.

Lampenfieber habe er schon lange nicht mehr, sagt der junge Artist. Viel mehr ist es die Vorfreude darauf, dem Publikum sein Können zu zeigen, die ihn antreibt. Der Applaus entschädigt ihn für so manches. Für die Geldsorgen und dafür, dass er nur in der Zirkusmannschaft Freunde hat. Zwar geht Gitano zur Schule und trifft da auf andere Jugendliche, aber er wechselt die Schule wöchentlich. Da der Circus Olympia nicht vom Staat subventioniert wird, sind die Kosten für einen Lehrer, der ständig mitreist, zu hoch. Deswegen wird Gitano immer in der jeweiligen Stadt, in der der Zirkus gerade gastiert, in einer Schule angemeldet. Die Folge: Jede Klase hat einen anderen Leistungsstand, Gitano kann dem Unterricht oft nicht folgen. "Die Lehrer geben sich nicht richtig Mühe, weil sie wissen, dass ich sowieso nur ein paar Tage bleibe", so Gitano. Auch von seinen Mitschülern auf Zeit wird der Junge ausgegrenzt. Sie nennen ihn "Zigeuner". Freundschaften entstehen so nicht. Auch einen Schulabschluss schaffen so nicht alle Zirkuskinder. "Ich will das schaffen", hat sich Gitano fest vorgenommen.

Lesen, Schreiben und Rechnen hat Gitano nicht in der Schule gelernt, sondern bei seinen Eltern. Die bringen ihm viel bei. Deswegen spricht Gitano jetzt auch schon vier Fremdsprachen: Englisch, Niederländisch, Dänisch und Ungarisch. "Wir üben immer die Sprache für das Land, in dem wir als Nächstes sind", berichtet er. Auch seine Cousins zeigen ihm vieles. Von seinem Vater lernt Gitano auch, wie der Zirkus geleitet wird. Denn später wird er die Leitung übernehmen. Vom Leben lernen - so könnte das Motto der Zirkusmitglieder sein.

Obwohl er andere Jugendliche darum beneidet, dass sie regelmäßig zur Schule gehen können, gefällt Gitano sein Leben so, wie es ist. "Wir sind eine tolle Gemeinschaft und halten zusammen. Auch das Leben mit den Tieren ist toll. Wir arbeiten zwar den ganzen Tag, dafür weiß man hinterher aber auch, was man geschafft hat", sagt er.