Travemünde : Die ältesten Seebäder: Monte Carlo des Nordens

So fing alles an: Als 1802 die ersten Gäste nach Travemünde kamen, ging man noch vom Badekarren aus in Wasser.
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So fing alles an: Als 1802 die ersten Gäste nach Travemünde kamen, ging man noch vom Badekarren aus in Wasser.

Seeluft in den Lungen und Meerwasser an den Füßen tut gut. Diese Erkenntnis hat in Schleswig-Holstein den Tourismus angekurbelt – schon vor 200 Jahren. In einer Ferien-Serie stellen wir die ältesten Seebäder vor.

shz.de von
19. Juli 2015, 11:45 Uhr

Travemünde | Wenn Wolf-Rüdiger Ohlhoff von Travemünde erzählt, strahlen seine Augen. Kein Wunder, schließlich zog das älteste Seebad Schleswig-Holsteins berühmte Stars an und brachte das ursprüngliche Fischerdorf an der Lübecker Bucht zum Leuchten. Über den Treffpunkt der Reichen und Schönen kann der Hobbyhistoriker einiges erzählen, er gilt vor Ort als wandelndes Lexikon.

1802 fing alles an. Nachdem man erkannt hatte, wie gesundheitsfördernd ein Besuch an der See ist, wurde das Seebad Travemünde gegründet. Nach Heiligendamm in Mecklenburg-Vorpommern und die Insel Norderney in Niedersachsen ist es das drittälteste Deutschlands. Und Spaß machte das Schwimmen auch. „Baden im Meer kam damals in den besseren Kreisen in Mode“, erklärt Ohlhoff, „wenn auch vorerst nur von einem hölzernen Badekarren aus oder in einer der sechs Badewannen im Warmbadehaus am Strand.“ Das ruhige Wasser in der geschützten Bucht und der feine Sandstrand waren ideal für den Tourismus. 3000 Gäste wurden bereits im ersten Jahr gezählt. Ein großer Erfolg. Die Kassen klingelten und so wuchs die Seebadarchitektur. „Hotels, Gasthäuser, Strandvillen und Vergnügungstempel entstanden“, so Ohlhoff, der vor seiner Pensionierung als Veranstaltungsleiter im Lübecker Kulturamt arbeitete.

„Richtig voll wurde es in Travemünde dann ab 1882, als die erste Eisenbahn kam und ein paar Jahre später auch die Autos sich ihren Weg bahnten“ erzählt er. Gäste aus Nah und Fern reisten als Besucher zu den Segelwettbewerben der Travemünder Woche und den Trabrennen auf dem Priwall an. Berühmtheiten wie Clara Schumann, Edvard Munch und natürlich Thomas Mann besuchten das Seebad. Und alle waren beeindruckt von dem außergewöhnlichen Ort. So schrieb etwa Franz Kafka im Juli 1914 in sein Tagebuch: „Nachmittags kurz mit nackten Füßen im Sand. Unangenehm aufgefallen.“ Damals war es noch verpönt, nackte Haut in der Öffentlichkeit zu zeigen. Erst Mitte der 1920er Jahre wurde das „freie Baden“ am Strand offiziell erlaubt.

Einerseits kamen viele Gäste, da Travemünde von Lübeck aus schnell zu erreichen war. Andererseits lockte das Glücksspiel die High Society an. Dadurch wurde Travemündes Ruf als mondänes Seebad entscheidend geprägt. 1833 wurde das Glücksspiel im Kurhaus – dem heutigen A-Rosa Resort – offiziell genehmigt. Vierzig Jahre später wurde das Glücksspiel unter Reichskanzler Bismarck zwischenzeitlich verboten, bevor der Spielbetrieb 1949 wieder aufgenommen wurde, im Kursaal, dem heutigen Columbia Hotel Casino Travemünde. Die Spielbank verhalf dem Seebad zu einem unglaublichen Comeback in der Nachkriegszeit als glamouröses „Monte Carlo des Nordens“. Eine „Bannmeile“ von 15 Kilometern verhinderte zu der Zeit übrigens, dass sich die Travemünder selbst um Haus und Hof spielten. „Die Stadtväter hatten Bedenken, dass die Versuchung des nahegelegenen Casinos die Bürger in den baldigen Ruin treiben könnte.“

Bei Tageslicht strahlte die Sonne, nachts die Stars: Legendär war das Nachtleben im Casino-Nightclub „La belle Epoque“. Hier traten in den 50er und 60er Jahren Stars wie Josephine Baker, Lale Andersen oder die Kessler-Zwillinge auf. Gleichzeitig wurden andere berühmte Persönlichkeiten angezogen: Sophia Loren und Marlene Dietrich gehörten dazu. „Letzterer verweigerte man angeblich den Zutritt zum Spielcasino, weil sie als Frau einen Hosenanzug trug, das erlaubte die strenge Kleiderordnung nicht“, erzählt Ohlhoff. Richtige Skandale habe es aber nie gegeben, betont der Hobbyhistoriker. „Das lag wohl an der norddeutschen Gelassenheit, die so manches Temperament diplomatisch milde stimmte.“

„Travemünde blickt auf eine Wahnsinnsgeschichte zurück“, sagt Ohlhoff, der natürlich auch Lieblingsplätze in Travemünde hat. Er liebt die Viermastbark Passat, die seit 1960 hier vor Anker liegt und längst zum Wahrzeichen Travemündes geworden ist, und er sitzt in den frühen Morgenstunden gern auf der Bank der neuen Seebrücke, um „große Pötte anzugucken“, die ein- und auslaufen.

Während in den 90er Jahren bis in das neue Jahrtausend hinein fast ausschließlich in touristische Projekte an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns investiert wurde, sind in den letzten Jahrzehnten von privater und öffentlicher Hand auch viele Millionen Euro in den Standort Travemünde geflossen. So konnte der zeitweilige „Dornröschenschlaf“ des Seebades nach der Grenzöffnung beendet werden. Letztes großes Bauprojekt war die Neugestaltung der historischen Strandpromenade im Jahr 2012. Heute ist Travemünde im Wettbewerb vergleichbarer Destinationen wieder konkurrenzfähig, die Zahlen sprechen für sich. Travemünde verzeichnete im vergangenen Urlaubsjahr mit knapp 600.000 Übernachtungen ein Rekordergebnis.

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