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„Zu viel Zeit auf Stickerei verschwendet“

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Gedenktafel Henriette Hirschfeld-Tiburtius geehrt

Seit kurzem erinnert eine Info-Tafel am Pastorat Hörnerkirchen an Henriette Therese Friederike Pagelsen. Die Pastorentochter verbrachte in dem Haus einige Kinder- und Jugendjahre. Später wurde sie die erste selbstständige Zahnärztin Deutschlands.

Schon seit längerem wurde in Höki über eine Info-Tafel nachgedacht. Doch da das Pastorat unter Denkmalschutz steht, durfte nicht einfach drauflos gezimmert werden. Erst einmal musste aus Kiel das Okay eingeholt werden. „Und dann durften wir auch nur in den Fugen bohren“, erklärte Kirchenrats-Chef Sönke Mier.

Schon vor Jahren hat sich der Bokeler Heimatforscher Helmut Trede auf Spurensuche gemacht. Für das Pinneberger Jahrbuch schrieb er 2009 den Beitrag „Die erste Zahnärztin Deutschlands – eine Pastorentochter aus Brande-Hörnerkirchen“. Geboren am 14. Februar 1834 auf Sylt, wurde Henriette Therese Friederike Pagelsen später als Henriette Hirschfeld-Tiburtius bekannt. Wobei „bekannt“ ein relativer Begriff ist. „Selbst mir als Heimatforscher sagte der Name wenig“, so Trede. Erst eine Bekannte brachte ihn auf die Spur. Und die Dissertation von Cécile Mack, die 1998 im fernen Freiburg das Leben der Zahnärztin recherchierte.

Zumindest der Name Pagelsen löst bei Insidern einen gewissen Aha-Effekt aus. Pastor Daniel Friedrich Carl Pagelsen war vor etwa 150 Jahren Prediger in Hörnerkirchen. Eine Spur, die treffgenau ins Ziel führt: Henriette war eine seiner Töchter. Als Henriette sechs Jahre alt war, wurde ihr Vater von Sylt auf das Holsteinische Festland in die Propstei Rantzau nach Hörnerkirchen versetzt. Hier verlebte sie von 1840 bis 1853 den Großteil ihrer Kinder- und Jugendzeit. Später schrieb sie: „Ich machte mich im Hause nützlich, las Romane, glücklicherweise ohne Schaden davon zu haben, und verwendete viel zu viel freie Zeit auf feine Weißstickereien“, also auf das Verzieren von Wäsche und Tischzeug.

Beim Vater erhielt sie gemeinsam mit ihren Geschwistern Schulunterricht und lernte Englisch und Französisch. Der Unterricht scheint jedoch nicht über das Erlernen elementarer Kenntnisse hinausgegangen zu sein: „Aber mit meinem Können auf eigenen Füßen zu stehen, dazu wäre ich nicht imstande gewesen.“

1853 zog Henriette nach Hamburg und heiratete am 1. Januar 1854 in Kiel den begüterten Christian Conrad Hirschfeld. Gemeinsam bezog das Paar einen Erbpachthof bei Kiel. Doch die Ehe stand unter keinem guten Stern, 1860 verließ Henriette heimlich ihren Mann und siedelte nach Sittensen in Niedersachsen über. Eine Freundin lud sie später nach Berlin ein, doch da vor 1908 für Frauen die Immatrikulation an den preußischen Universitäten unmöglich war, musste sie im fernen Nordamerika Zahnmedizin studieren. Im Herbst 1869 eröffnete sie nach ihrer Rückkehr nach Berlin in der Behrensstraße 9 ihre Zahnarztpraxis „für Frauen und Kinder“. 1872 heiratete Henriette den Arzt Dr. Karl Tiburtius. 30 Jahre, bis zu ihrem 65. Lebensjahr, war sie als Zahnärztin tätig. Sie starb am 25. August 1911.

Heute erinnert in Berlin unter anderem eine Gedenktafel an der Ecke Behrensstraße/Glinkastraße in Berlin-Mitte an Deutschlands erste Zahnärztin, die ihre Wurzeln im beschaulichen Hörnerkirchen hatte.

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