Nach Schafsriss in Tangstedt : Wolfs-Experten sagen: Die Bedenken sind unnötig

Nichts als das Gerippe und ein Stück weiter auf der Wiese das Fell und die Eingeweide des Schafs sind übriggeblieben.
Nichts als das Gerippe und ein Stück weiter auf der Wiese das Fell und die Eingeweide des Schafs sind übriggeblieben.

Die uralte Angst vor dem bösen Wolf: Sie geht um in Schleswig-Holstein. Jetzt klären Experten auf.

von
17. Juli 2018, 16:00 Uhr

Tangstedt/Bokholt-Hanredder | „Kann ich mein Kind jetzt noch bedenkenlos mit dem Fahrrad durch die Feldmark fahren lassen?“, fragt ein besorgter Vater aus Tangstedt, nachdem bekannt wurde, dass ein Schaf etwa 500 Meter außerhalb des Ortes in Richtung Bönningstedt von einem Wolf gerissen wurde. Er ist mit seinen Bedenken nicht allein.

Da ist sie wieder, diese uralte Angst vor dem bösen Wolf. Erinnerungen an Grimms Märchen werden wach: Rotkäppchen und die sieben Geislein lassen grüßen. Noch älter sind die Fabeln, in denen Tieren menschliche Eigenschaften zugeschrieben werden, die sogenannte Personifizierung. Und da ist Isegrim gierig, rücksichtslos, böse und für seine Lügen berüchtigt. Kein Wunder also, dass die Angst vor diesem Tier so tief sitzt.

Es zählt der Geruch, nicht die Größe

„Das ist unberechtigt“, versichert Jens Madsen, Koordinator der Wolfsbetreuung in Schleswig-Holstein. Seit etwa 20 Jahren gebe es wieder Wölfe in Deutschland, auch in dichter besiedelten Gebieten, ohne dass es je zu einer riskanten Begegnung zwischen Menschen und dem Tier gekommen wäre. „Auch Kinder werden als Mensch wahrgenommen. Es zählt der Geruch, nicht die Größe“, betont Madsen. Wer kleine Kinder unbeaufsichtigt durch den Wald stromern lasse, bekomme wohl eher ein Problem mit dem Jugendamt als eines mit Wölfen.

„Vermutlich pendelt das Tier zwischen Dithmarschen und hier', sagt Hans-Albrecht Hewicker, Wolfs-Experte.
PT
„Vermutlich pendelt das Tier zwischen Dithmarschen und hier", sagt Hans-Albrecht Hewicker, Wolfs-Experte.
 

Der pensionierte Forstdirektor und Wolfs-Experte Hans-Albrecht Hewicker aus Bokholt-Hanredder bekräftigt ebenfalls, dass es keinen Grund zur Angst gebe. „Auch im Kreis Pinneberg gab es schon Mensch-Wolf-Begegnungen aus nächster Nähe“, berichtet er. Doch selbst bei so kurzen Entfernungen wie vier oder fünf Metern hätte noch keins der Tiere Aggressionen gezeigt. „Das normale Verhalten ist Erschrecken und Flucht, eventuell bei jungen Tieren zunächst noch Neugier. Aber selbst dann bleiben sie nur einen Moment lang stehen und flüchten dann“, sagt er.

Erste bestätigte Sichtung in Bokholt-Hanredder

In Bokholt-Hanredder hatte es am 23. Juli 2016 auch die erste bestätigte Wolfssichtung im Kreis Pinneberg gegeben (wir berichteten). Ein Jungjäger hatte das Tier von seinem Hochsitz aus gesichtet. Die zuständige Behörde konnte das Tier auf den Fotos einwandfrei identifizieren.

Ganz anders sei die Lage jedoch, wenn Spaziergänger nicht, wie gesetzlich vorgeschrieben, ihre Hunde im Wald und in der Feldmark an der Leine führten. „Ein Wolf gibt dann dem Hund klare Signale: ,Hau ab!‘. Tut er das nicht, kann das tatsächlich gefährlich werden für den Hund“, erklärt Madsen. Das bestätigt Hewicker: „Der Wolf sieht im Hund einen Konkurrenten“, warnt er die Besitzer und ermahnt sie gleichzeitig eindringlich, ihre Tiere grundsätzlich anzuleinen.

Der aus Polen bekannt gewordene Fall eines Wolfes, der drei Menschen gebissen hat, beschäftigte auch Hewicker. „Bei diesem Tier besteht der Eindruck, dass er zusammen mit Menschen aufgewachsen ist“, erklärt der Experte. Das sei unter anderem daran festzumachen, dass das Tier sehr kurze, abgenutzte Krallen gehabt habe. „Das bedeutet, dass er überwiegend auf Beton, Zement oder auch Fliesen unterwegs war – also in Menschennähe“, erläutert Hewicker. Deshalb habe er auch wenig Scheu vor den Zweibeinern gezeigt und sei sogar während eines Jahrmarkts hinter der Pommes-Bude auf Nahrungssuche gewesen. Bereits nach dem ersten Angriff sei dieser Wolf zum Abschuss frei gegeben, jedoch nicht mehr aufgefunden und erst einige Tage später tatsächlich getötet worden.

Wildunfälle weisen auf Wolf hin

Wie bereits die Bönningstedter Jagdpächter, in deren Fotofalle der Wolf vor einigen Wochen gelaufen war, bestätigten, hat es zwischen Quickborn und Rellingen in der Zeit vor der Erkenntnis, dass in der Tat ein Wolf in der Gegend unterwegs ist, vermehrt Wildunfälle gegeben. „Das waren 13 überfahrene Rehe in nur zwei Wochen – so viel, wie sonst das ganze Jahr über“, berichtet Hewicker. Der Geruch des neuen Feindes sei den hier lebenden Tieren unbekannt, sie gerieten daraufhin in Panik und würden „kopflos“ die Flucht ergreifen. „Das ist jedoch eine Frage der Gewöhnung. Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass das Wild lernt zu erkennen, ob ein Wolf oder sogar ein ganzes Rudel auf der Jagd ist oder nicht“, erläutert der Experte. Immerhin könnten Wölfe auf ihren nächtlichen Streifzügen bis zu 70 Kilometer zurücklegen. „Vermutlich pendelt das Tier zwischen Eiderstedt/Dithmarschen und dem Kreis Pinneberg: Werden an dem einen Ort Tiere gerissen, ist am anderen Ort Ruhe“, so Hewickers Erfahrung.

Ein Wolfsnachweis aus Bönningstedt (Kreis Pinneberg) erfolgte mittels Fotofalle am 23.05.18 durch einen Bönningstedter Jäger.
Wolfsmanagement SH

Ein Wolfsnachweis aus Bönningstedt (Kreis Pinneberg) erfolgte mittels Fotofalle am 23. Mai durch einen Bönningstedter Jäger.

 

Landwirten, die Schafe oder auch Kälber auf Weiden halten, empfiehlt er, die Nutztiere mit Zäunen gut zu sichern. „Schafe stehen normalerweise nicht auf dem Speiseplan des Wolfs, die Hauptnahrungsquelle ist Wild. Das können Rehe, Hasen und auch Mäuse sein“, erläutert Hewicker. Seien Schafherden unzureichend gesichert, lerne der Wolf jedoch sehr schnell, dass hier keine großen Jagdanstrengungen notwendig sind, um an Nahrung zu gelangen.

Züchter will keinen Hochsicherheitstrakt

Für Werner Zorn, den Landwirt und Hobby-Schafzüchter aus Tangstedt, dessen Schaf gerissen wurde, ist der Rat kaum umzusetzen. „Die Behörde hat mir für vier Wochen einen Elektrozaun angeboten, später wurde das dann auf drei Monate ausgeweitet. Und dann?“, fragt er. Die 2,5 Hektar große Wiese mit einem Knotengeflecht-Zaun zu versehen, würde ihn mehrere 1000 Euro kosten. „Das kann und will ich nicht. Ich mache doch keinen Hochsicherheitstrakt aus meiner Wiese“, sagt Zorn. Nun müsse er wohl seine Herde verkleinern und an einem anderen Ort unterbringen.

Grundsätzlich stelle sich ihm die Frage: „Brauchen wir hier den Wolf? Passt das in unsere Zeit?“. Zorn meint nein, denn Lebensumstände, Siedlungsdichte und Kulturlandschaften seien nicht mehr vergleichbar mit der Zeit, als Wölfe hier heimisch waren.

In der Karte sehen Sie die Wolfsnachweise seit 2007. Die verschiedenen Farben weisen auf das Jahr hin. Klicken Sie auf die Symbole, um mehr zu erfahren.

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen