zur Navigation springen

Barmstedt : „Wir haben keine Flüchtlingskrise“

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Info-Abend der BALL: Experte diskutiert mit Bürgern über Hintergründe der Migration / Lob für die Situation in Barmstedt

Barmstedt | Schwere Kost zum Thema Flüchtlingspolitik hat die BALL etwa 20 Besuchern vor Kurzem im „Landkrog“ serviert. Als Referenten begrüßte der Vorsitzende Helmut Welk Martin Dolzer, der in Hamburg Mitglied des Flüchtlingsrats und Koordinationskreises Lampedusa sowie des Europaausschusses der Bürgerschaft ist. „Europa schottet sich zunehmend gegen Flüchtlinge ab, die Übergriffe auf Flüchtlingsunterkünfte halten an, der Ton wird rauher“, sagte Welk. Weltweit seien mehrere Millionen Flüchtlinge unterwegs. Doch Dolzer betonte: „Wir haben keine Flüchtlingskrise.“ Die Krise sei vielmehr die zunehmend aggressive Außenpolitik der EU und USA, die der Sicherung von Ressourcen dienen und die Staaten vor Armutsflüchtlingen schützen solle.

Eine Zukunftsstudie besage, dass keine herkömmlichen Kriege mehr stattfinden werden, sondern solche zwischen sozio-ökonomischen Klassen, sagte Dolzer. Durch gezielte Destabilisierung und wirtschaftliche Isolation seien bereits Brandherde in Staaten wie Jugoslawien, Afghanistan, Mali und Ukraine entfacht worden. „Von verschiedenen Mächten wird dann überlegt, wie ein Staat einmal zu ihrem Vorteil aussehen soll.“ Derartige Praktiken verursachten massenhafte Fluchtbewegungen.

Die derzeit in vielen Städten und Kommunen herrschende Wohnungsnot sei hausgemacht, sagte Dolzer. „Hamburg hat von 1993 bis 1997 100  000 Flüchtlinge aufgenommen, und es gab genügend Raum.“ Anschließend seien die Kapazitäten reduziert worden, obwohl klar gewesen sei, dass wesentlich mehr Flüchtlinge kommen würden. „Die Gesetzgebung und Verwaltungspraxis waren so gestaltet, dass ein Chaos passieren sollte“, sagte Dolzer. „Wir haben eine Million Quadratmeter leer stehende Büroräume und 2000 leere Saga-Wohnungen, aber Investoren dürfen neu bauen, und zwar dort, wo es vorher nicht möglich war.“ Wenn die Flüchtlinge aus diesen Wohnungen wieder ausziehen, können die Investoren munter weiter vermieten.

Dolzers Referat folgte eine angeregte Diskussion. „Es macht mich fassungslos, dass wir bestimmten Denkschulen ausgesetzt sind, die uns Kriege und Krisen einbrocken“, sagte Luzian Bucke. „Wenn Frau Merkel und Herr Gabriel wirklich etwas gegen die Kriege tun wollen, müssen sie und wir alle über den eigenen Schatten springen“, so Dolzer. „Nutznießer sind doch wir, die wir mit unserer Verbrauchermentalität Armut in anderen Ländern verursachen“, warf Klaus Kuberzig ein. Es sei kein Wunder, dass Hunger und Perspektivlosigkeit die Leute in reiche Länder fliehen ließen. Die Teilnehmer lobten die Situation in Barmstedt. „Die dezentrale Unterbringung der Flüchtlinge und ein starkes Willkommensteam schaffen ein gute Atmosphäre“, stellte Klaus Haberland fest.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen