„Wir fühlten uns wie im Himmel“

Vor 69 Jahren strandete Martha Thal (89) in Barmstedt, kurze Zeit später in Langeln. Dort lebt sie heute noch.
Vor 69 Jahren strandete Martha Thal (89) in Barmstedt, kurze Zeit später in Langeln. Dort lebt sie heute noch.

Vor 69 Jahren kam Martha Thal als eine der ersten Flüchtlinge nach Barmstedt. Sie blieb und baute sich in Langeln ein neues Leben auf

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05. März 2014, 16:18 Uhr

Der 4. März 2014. Es ist wieder kühler geworden als die Tage zuvor, der Himmel hängt grau über Langeln. Der kleine Ort mit seinen großen Bauernhöfen und den vielen Einfamilienhäusern strahlt Tristesse aus. Für Martha Thal, die in einem dieser Häuser lebt, ist der 4. März trotzdem ein besonderer Tag – und Langeln ein besonderer Ort. Vor genau 69 Jahren sah die 89-Jährige ihn zum ersten Mal. Wenige Stunden zuvor war sie in Barmstedt angekommen – als eine der ersten Flüchtlinge, die die Stadt erreichten.

Martha Thal hatte vor den Russen fliehen müssen. Am 9. Februar 1945. Sie nennt das Datum, ohne eine Sekunde zu überlegen. Sie floh aus ihrer Heimat in der Nähe von Königsberg (Pommern). Zusammen mit anderen Frauen, Kindern, Alten. „Wir gingen einfach los, ohne zu wissen, wo wir landen würden“, sagt sie. Am 1. März starb ihre kleine Tochter an einer Lungenentzündung. „Ich musste sie liegen lassen. Im kniehohen Schnee.“ Beerdigt wurde sie nie. Den leeren Kinderwagen hatte Thal noch in Barmstedt bei sich.


Die ,Wilhelm Gustloff’ war überfüllt


Die Flucht ging weiter, zu Fuß über das vereiste Danziger Haff, immer in Angst vor Tieffliegern und ihren todbringenden Bomben. „In Danzig sollten wir eigentlich auf die ,Wilhelm Gustloff’“, sagt Thal. „Aber die war voll, so dass wir auf ein Soldatenschiff kamen.“ Es war ihr Glück: Die ,Gustloff’ wurde von den Russen versenkt. Als nächstes wurden die Flüchtlinge in Züge gesetzt, „und wieder hat uns keiner gesagt, wo es hingeht“.

Es ging erst nach Hamburg, dann nach Barmstedt. „Das war für uns ein Böhmisches Dorf“, sagt Thal. Als sie ankamen, in der „Seegaststätte“, „fühlten wir uns wie im Himmel“. Sie seien „so nett aufgenommen“ und mit Suppe und Hühnerfrikassee bewirtet worden. „Und über dem See hingen die Birken – wunderschön.“ Nach dem Essen warteten draußen Wagen, die die Flüchtlinge auf Unterkünfte in der Umgebung verteilen sollten. „Es wurde gefragt: ,Wer will aufs Land?’“, erinnert sich Thal. Sie meldete sich, „denn ich kam ja vom Land“. Zusammen mit ihrer Schwester, ihrer Mutter und vier weiteren Familien wurde sie nach Langeln gebracht. „Da haben wir bei Bauer Schlüter gewohnt und hatten es sehr gut.“

1950 wurde ihr Mann – ein Berufssoldat, den sie 1943 geheiratet hatte – aus der russischen Kriegsgefangenschaft entlassen. „Er hat mich über seinen Vater, der auch Soldat war, ausfindig gemacht und kam dann hier in Langeln an.“ Als sie ihn vom Bahnhof abholte, habe er gesagt: „Martha, hier bleiben wir nicht lange.“ Die Knicks hätten ihm nicht gefallen, sagt sie. „Die gibt es in Pommern nicht.“

Aus dem ,Hier bleiben wir nicht lange’ wurde der Rest ihres Lebens. „Mein Mann wollte nie wieder weg.“ 1952 baute sich das Ehepaar ein Haus, das immer größer wurde: „Wir haben ständig angebaut.“ Ihre Eltern wohnten bei ihnen, im Garten hielten sie Gänse und Hühner. „Das war ein richtiger kleiner Bauernhof.“ Mittlerweile lebt ihr Mann – der 94 ist – im Barmstedter Seniorenheim. „Ich bin froh, dass ich noch Auto fahren und ihn jeden Tag besuchen kann“, sagt Thal.


Von ihrem Heimatort war nichts mehr da


In seiner alten Heimat war das Ehepaar nur noch ein einziges Mal. Es war ein Albtraum, sagt Thal. Die Kirche, in der sie getauft und getraut worden waren: weg. „Die war wie abgesägt.“ Sie habe auch keine Wege mehr gefunden, „kein Geburtshaus, keine Schule, nichts. Der ganze Ort war weg.“ Die Russen hätten alle Steine nach St. Petersburg gebracht.

Gestern, an ihrem persönlichen Erinnerungstag, hat Thal wieder ihren Mann besucht. Bevor sie nachmittags zum Frauenkreis in der Freikirchlichen Gemeinde fuhr. Und dann zum Graue-Erbsen-Essen, zu dem Bekannte sie eingeladen hatten. „Das Datum war Zufall“, sagt sie. Aber irgendwie gepasst habe es doch.

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