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Viel Freiheit auf vier Pfoten : Wie eine Blindenhündin im Alltag hilft

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Die Blindenführhündin Lucky hilft Ursula Lohmann durch den Alltag zu kommen.

shz.de von
erstellt am 15.Feb.2016 | 16:00 Uhr

Seeth-Ekholt | Während sich Ursula Lohmann die Jacke anzieht und sich die Blindenbinde über den Arm zieht, läuft ihre Hündin Lucky schon aufgeregt schwanzwedelnd um sie herum. „Du weißt doch, ich bin nicht das neueste Modell. Werde du erstmal so alt wie ich“, sagt die 71-Jährige lächelnd zu dem Labrador mit dem hellen Fell.

Ursula Lohmann ist vollblind, aber wenn sie in ihrer Wohnung umherläuft, das Führgeschirr vom Haken nimmt, es ihrer Hündin anlegt oder sich zum Anziehen ihrer Schuhe auf einen Stuhl setzt, fällt das gar nicht auf. Erst draußen, vor der Tür, ist Ursula Lohmann auf Lucky angewiesen. Und die Hündin scheint sich ihrer Verantwortung bewusst zu sein. Sobald sie im Geschirr ist, verhält sie sich wie ein völlig anderes Tier, ist diszipliniert, aufmerksam und gehorcht jedem der Befehle ihres Frauchens aufs Wort.

„Lucky ist für mich ein Stück Freiheit“, sagt Ursula Lohmann. Die ausgebildete Blindenführhündin ermöglicht es ihr, sich in ihrer Heimatgemeinde Seeth-Ekholt frei zu bewegen. Ursula Lohmann liebt lange Spaziergänge, das ungleiche Paar unternimmt beinahe täglich über zweistündige Wanderungen durch das nahe Naturschutzgebiet. „Ich bin sehr gerne in der Natur“, sagt Ursula Lohmann. „Dann genieße ich die Geräusche und die Gerüche – und es geht mir richtig gut.“ Besonders an windigen und regnerischen Herbsttagen fällt es ihr aber schwer, sich zu orientieren. „Dann kann ich einfach meinem Hund die Orientierung überlassen. “

Heute wollen die beiden nur zum Briefkasten, der eine Straße weiter steht. Wo es hingehen soll, bestimmt Ursula Lohmann. Aber wenn Lucky irgendwann einfach stehen bleibt, muss sich der Mensch auf den Hund verlassen. Eine Sache des Vertrauens, die für Ursula Lohmann nicht immer leicht ist. „Lucky ist darauf trainiert, stehen zu bleiben, wenn sie zum Beispiel ein Auto mit laufendem Motor sieht. Das kann eine Gefahr bedeuten, aber vielleicht lässt auch nur jemand seinen Motor laufen, um die Scheiben aufzutauen“, erzählt Lohmann. „Dann muss ich einfach warten, bis Lucky die Gefahr als gebannt betrachtet und weiter läuft.“

Ursula Lohmann weiß, dass sie gleich links abbiegen möchte. Sie weiß aber nicht, wann die Seitenstraße kommt, deshalb wiederholt sie immer wieder den Befehl „links“ – bis Lucky mit ihrem Frauchen am Geschirr richtig abgebogen ist. Dann folgt der Befehl für Briefkasten: „Box“. Dadurch weiß Lucky nicht nur, dass sie den Briefkasten suchen muss, sondern zeigt Ursula Lohmann durch Hochspringen am Kasten auch den Briefschlitz an. Ähnlich funktioniert das auch bei Hauseingängen, Bankschaltern, Sitzgelegenheiten, Treppen, Aufzügen und vielem mehr.

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„Ich habe immer schon Tiere
gehabt und Hunde kommen immer
zu mir, wenn sie mich sehen.“

Ursula Lohmann
aus Seeth-Ekholt
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Nur manchmal ist Lucky ein bisschen überfürsorglich, wenn sie ihrem Frauchen in der Königstraße jede Bank und jeden Stuhl anzeigt, damit sie sich ausruhen kann. Das alles hat Lucky im Rahmen einer zweijährigen Ausbildung in einer speziellen Schule für Blindenhunde gelernt. Aus diesem Grund lag ihr Kaufpreis auch bei über 20.000 Euro. Das Geld übernimmt die Krankenkasse, wenn ein Augenarzt die nötige Bescheinigung ausstellt und die blinde Person beweist, dass sie den Umgang mit ihrem Hund beherrscht.

Lucky ist bereits der zweite Blindenhund von Ursula Lohmann und führt sie jetzt im sechsten Jahr. Zu ihrem ersten Hund kam Ursula Lohmann durch ein Mobilitäts- und Orientierungstraining und über den Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband. „Ich fühlte mich mit dem Langstock nicht sicher, deshalb hat mir der Trainer einen Führhund empfohlen“, erzählt sie. „Ich habe immer schon Tiere gehabt und Hunde kommen immer zu mir, wenn sie mich sehen. Deshalb war ich gleich für die Idee offen.“ Auch mit Lucky war es Liebe auf den ersten Blick. „Als sie mich gesehen hat, in einer Hotellobby mit vielen Leuten, ist sie sofort zielstrebig auf mich zugelaufen.“

Vollblind ist Ursula Lohmann jetzt seit zwölf Jahren. Aber bereits bei ihrer Geburt war sie sehbehindert und mit der Zeit degenerierte sich ihre Netzhaut durch eine Krankheit immer mehr. Am Ende konnte sie nur noch Licht und Schatten unterscheiden und nach dem Tod ihres Mannes gab es den entscheidenden Schub. „Seitdem ist alles dunkel“. Obwohl Ursula Lohmann schon mit 14, als sie aus der Volksschule entlassen wurde, nicht viel mehr als 25 Prozent Sehkraft hatte, bekam sie eine Lehrstelle als Verkäuferin. Sie heiratete früh und bekam zwei Kinder. Ihre 52-jährige Tochter, die auf dem selben Grundstück wohnt, erledigt heute die Einkäufe für Ursula Lohmann und unterstützt sie auch sonst im Alltag.

Selber meidet Ursula Lohmann nämlich Supermärkte und auch Besuche in der Stadt. „Mit den ganzen Geräuschen und den vielen Autos fühle ich mich dort nicht wohl“, sagt sie. Einige Ampelphasen seien in Elmshorn auch zu kurz, um als Blinde hinüber zu kommen. Und es gebe immer wieder Radfahrer, die knapp an ihr vorbeisausten („Können die nicht klingeln?“) oder Leute, die ihr verärgert zuriefen, ob sie denn nicht gucken könnte („Obwohl ich Binde, Stock und Geschirr immer dabei habe“).

Als blinder Mensch, das ist Ursula Lehmann ganz wichtig zu betonen, „möchte man nicht in die Ecke gestellt werden“. Deshalb ist sie so froh über die Freiheit, die ihr ihr Blindenhund bietet. Wenn Lucky irgendwann nicht mehr als Blindenhund „arbeiten“ kann, könnte Ursula Lohmann sie wieder abgeben. „Aber das würde ich nie machen. Ich liebe meinen Hund abgöttisch. Sie bleibt bei mir, bis zum Schluss.“

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