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„Die Hemmschwelle ist gesunken“ : Von Jugendspielklasse bis Bezirksliga: Schiedsrichter berichten von immer mehr Konflikten auf dem Spielfeld

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Die Schiedsrichter des SSV Rantzau erleben vermehrt Konflikte auf dem Spielfeld.

Barmstedt | An jedem Wochenende finden im Bereich des Hamburger Fußballverbands (HFV) zahlreiche Fußballspiele statt, die von Schiedsrichtern geleitet werden. Eine der zahlen- und leistungsmäßig stärksten von ihnen ist die Schiri-Abteilung des SSV Rantzau. Die 22 Schiedsrichter leiten Spiele von der untersten Jugendspielklasse bis in den Leistungsbereich der Herren Bezirksliga. Der Barmstedter Patrick Brandt (17) ist ein wahres Schiedsrichtertalent. Im November 2014 bestand er seine Prüfung zum Schiedsrichter und seitdem geht es stetig für ihn nach oben. „Früher habe ich mich öfter über die Schiedsrichter beschwert. Mein Vater meinte dann, ich sollte es erst besser machen, dann dürfte ich mich beschweren. Daraufhin habe ich mich zu dem Wochenendlehrgang angemeldet“, erzählt der Schüler, der demnächst in der Bezirksliga pfeifen wird und das Ziel anstrebt, Bundesligaschiedsrichter zu werden. „Hätte ich nicht so ein gutes, konsequentes und auf mich zugeschnittenes Einzelcoaching vom Verein erhalten, wäre ich sicher  nicht so schnell soweit gekommen“, meint Brandt.

Die jugendlichen Schiedsrichter werden nie allein zu Spielen geschickt, erklären Hartmut Gertig und Thorsten Mexner, die die Schiris betreuen. Es sei immer ein Betreuer dabei. Anhand der Spielleistungen würden die Schwächen ausgewertet und die Stärken gefördert. Dieses Coaching motiviere die Nachwuchsschiedsrichter, und es sei niemand unter- oder überfordert und die Qualität auf dem Platz gewährleistet. „Wir vermitteln so Sicherheit und können unterstützend mit Tipps zur Seite stehen“, sagt Gertig. „Am Anfang versucht man darauf Wert zu legen, dass die Pfiffe klar und deutlich kommen. Auch ist es wichtig zu wissen, wann man ein Spiel abbrechen sollte“, sagt Gertig, der seit 25 Jahren als Schiedsrichter tätig ist.

„Spieler meckern mehr, und die Hemmschwelle ist niedriger geworden. Aber es ist die psychische Gewalt, die von Trainern und Eltern ausgeht“, erläutert Mexner, der diese Entwicklung für eine große Herausforderung im Jugendbereich hält. „Ich habe einmal innerhalb von einer Minute zwei rote Karten gegeben. Das Spiel war anstrengend, und ich musste ordentlich argumentieren, bis die Spieler schließlich das Feld verließen. Aber wir lassen nicht mit uns handeln“, berichtet Brandt, der auch American Football bei den Elmshorner Fighting Pirates spielt.

Finn Knutzen ist seit März 2014 als Schiedsrichter im Einsatz und hat 54 von 400 angesetzten Spielen übernommen. Bis zu drei Spiele pfeift er an einem Wochenende. „Dass ich Schiedsrichter bin, hat mir geholfen, in der Schule Referate zu halten. Davor war ich immer zu  schüchtern“, verrät der 18-Jährige, der in Elmshorn die Berufsschule besucht.  Seit November 2015 ist auch Philipp Dannemann (15) mit im Team. „Patrick hat mich überzeugt“, erzählt der Schüler, der   außerdem aktiv auf dem Platz Fußball spielt.

Hartmut Gertig (l.) und Thorsten Mexner betreuen die Schiedsrichterabteilung des SSV.

Hartmut Gertig (l.) und Thorsten Mexner betreuen die Schiedsrichterabteilung des SSV.

Foto: Andrea Kuhnke
 

 Zu dritt sind die drei Jugendlichen als Schiedsrichtergespann unterwegs. Seit August  2013 wurden alle 1775 Spielansetzungen ohne ein Fehlspiel von den Schiedsrichtern des SSV  geleitet. „Die Mannschaften konnten sich bisher immer darauf verlassen, dass der angesetzte Schiedsrichter auch erschien“, sagt Gertig, der für die Spielansetzungen verantwortlich ist. „Das ist nur möglich, weil alle Schiedsrichter im Verein hoch engagiert sind und Qualität liefern“, ergänzt er stolz. Durch das Coaching würden Talente entdeckt und gefördert. Innerhalb des BSA Pinneberg (Bezirks-Schiedsrichter-Ausschuss), wo die Ausbildung und die Prüfung stattfindet, höre man immer öfter von der „Talentschmiede Rantzau“. Der SSV Rantzau benötige aber weiterhin Schiedsrichter, denn jeder Verein der Spiele ansetze, müsse auch Schiedsrichter stellen.

Ab 14 Jahren kann jeder die Schiedsrichterprüfung absolvieren. Der jüngste Schiedsrichter beim SSV ist mit 14 Jahren Tjalf Phillip Franke, der zusammen mit seinem Bruder Finn Yannick (16) im März 2017 seine Prüfung absolvierte. Es werden aber auch 20- bis 30-Jährige gesucht, die pfeifen möchten. Auch  Frauen sind aufgerufen, eine Karriere als Schiri zu starten. Jeder Schiedsrichter erhält eine Aufwandsentschädigung, die Schiedsrichterausrüstung, und wenn 15 Spiele im Jahr geleitet wurden, gibt es noch einen Bonus vom Verein. Voraussetzung, um Schiedsrichter zu werden ist eine Mitgliedschaft im Verein. Durch den Bonus habe man den Beitrag aber schon wieder raus, sagt Mexner. „Als  zusätzlichen Anreiz bekommt jeder Schiedsrichter kostenlosen Eintritt zu den Spielen aller Ligen, bis einschließlich der Bundesliga.“  Er sei froh darüber, dass der Vorstand die Schiedsrichterabteilung als vollständigen Bestandteil des Vereins ansehe. So seien für die Fort- und Weiterbildung „Funkfahnen“ angeschafft worden. „Das freut uns besonders, denn das war eine kostspielige Angelegenheit“, sagt Mexner, der hofft, dass die Zusammenarbeit mit dem Vorstand so gut bleibt und so das Ausbildungsniveau stetig verbessert werden kann.

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erstellt am 29.Mai.2017 | 16:20 Uhr

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