Heede : Vom Leben und Tod einer Tanne

Friedvolle Freude und Hoffnung spendender Weihnachtsbaum.
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Friedvolle Freude und Hoffnung spendender Weihnachtsbaum.

Die Heederin Kathrin Perthen hat eine Geschichte über das Schicksal eines Weihnachtsbaums geschrieben.

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27. Dezember 2014, 11:23 Uhr

Auf einer kleinen Tannenschonung im großen dichten Wald stand, umgeben von größeren, ein kleiner Tannenbaum, eingebettet in weiches Moos. Lange Zeit genoss er einfach nur die Natur und das Leben des Waldes um sich herum. Doch nach einigen Jahren fragte er sich eines Winters, warum in der Schonung immer mehr Lücken entstanden und die größeren Tannen verschwanden. Er fragte eine größere, nebenstehende Tanne: „Sag, wo sind die anderen Tannen hin?“ Sie antwortete: „Du weißt doch, einmal im Jahr, im tiefen Winter, kommen die Holzfäller, suchen die größten und schönsten Tannen aus und fällen sie.“ „Ja, aber“, fragte der kleine Tannenbaum, „was wird dann aus ihnen?“ Der alte Tannenbaum antwortete: „Mich haben sie nie gefällt, ich bin wohl zu krumm gewachsen, aber man erzählt sich, dass die gefällten Tannenbäume ein neues Zuhause bekämen, irgendwo, wo es warm ist, und sie der Witterung nicht ausgesetzt sind. Dort werden sie gehegt und gepflegt, dazu noch üppig geschmückt mit Leckereien und Geschmeide, und sie dürfen ein großes Fest mit den Menschen feiern.“ Oh, dachte der kleine Tannenbaum, das möchte ich auch, und er bemühte sich, schön gerade zu wachsen und schnell groß zu werden.

Einige Jahre später stand er als stattlicher, gutaussehender Tannenbaum in der Schonung und dachte: Hoffentlich nehmen sie mich dieses Jahr mit zu den Menschen! Es wurde Winter, und die Holzfäller kamen. Sie stiefelten im tiefen Schnee um die Tannen herum, um die schönsten auszusuchen, und der jetzt große und stattliche Tannenbaum reckte und streckte sich und bemühte sich, einer der schönsten zu sein. Und tatsächlich: Die Holzfäller kamen auf ihn zu, umrundeten ihn und entschieden sich, ihn mitzunehmen. Dafür nahmen sie eine Säge und trennten den Stamm am untersten Ende ab. Einen kurzen Moment lang spürte der Tannenbaum einen großen Verlust und die Trennung vom Erdboden. Aber schon bald überwog die Freude, jetzt zu den größten und schönsten Tannen zu gehören und mit zu den Menschen zu dürfen.

All die schönen, gefällten Tannenbäume wurden zusammengetragen und auf ein Gefährt mit großer Ladefläche gelegt. Dabei ging man nicht zimperlich mit ihnen um, so dass einige schon ihre ersten Nadeln verloren. Dann fuhr man mit ihnen in die Stadt. Dort angekommen, wurde an jeder Straßenlaterne, die den Weg säumte, ein Tannenbaum abgelegt. Und der Tannenbaum unserer Geschichte dachte sich: Gleich werde ich von netten Menschen abgeholt, die mich hegen und pflegen und mit Leckereien und Geschmeide schmücken.

Es verging einige Zeit, da kam ein junger Mann, nahm sich den Tannenbaum und fesselte ihn an die Straßenlaterne. „He, was machst Du da, ich bin in die Stadt gekommen, um den Menschen Freude zu bereiten, warum bindest Du mich an die Laterne?“ Aber der Tannenbaum bekam keine Antwort – wann spricht schon mal eine Tanne mit einem Menschen! Dann dachte der Tannenbaum: Man hat mich wohl aufrecht an die Laterne gebunden, damit ich recht gut aussehe. Er reckte und streckte sich und wartete darauf, dass man auf ihn zukäme und ihn mit nach Hause nähme. Es passierte nichts! Tagelang liefen Menschen an ihm vorbei, ohne ihn zu beachten. Oder man beschwerte sich, er stünde im Weg. Hunde hoben ihr Bein an ihm, und es gab sogar einen frechen Jungen, der ihm zwei seiner schönsten Zweige abbrach. Der Tannenbaum wurde sehr traurig und sehnte sich zurück in den Wald. Vor lauter Kummer hingen seine Zweige herunter, und es gingen ihm die Nadeln aus. Er weinte viele Tannenharztränen.

Stille in der Stadt

Eines Tages wurde es ganz still in der Stadt. Es huschten einige Menschen durch die Straßen. Sie schienen in einer besonderen Stimmung zu sein und waren sehr freundlich zueinander. In den Fenstern standen Kerzen, und auf der Straße duftete es angenehm, er wusste nicht, wonach. Langsam wurde es dunkel, und der Tannenbaum hatte längst die Hoffnung aufgegeben, noch in ein warmes Zimmer zu den Menschen zu kommen.

Da kam eine kleine Familie an ihm vorbei, und das kleine Mädchen sagte zu seinen Eltern; „Wenn wir doch kein Geld haben für einen Weihnachtsbaum und man sich auch keinen aus dem Wald holen darf, meint ihr nicht, wir dürfen heute am Heiligabend einen von der Laterne losbinden und mit nach Hause nehmen?“ Der Tannenbaum horchte auf und versuchte, mit letzter Kraft einen guten Eindruck zu machen, indem er die Zweige indie Höhe streckte und zugleich versuchte, seine letzten Nadeln bei sich zu behalten. Der Vater antwortete dem kleinen Mädchen: „Ich glaube, das dürfen wir, heute schaut eh keiner mehr vor die Tür, und bald schon ist Weihnachten vorbei. Lasst und gleich den an dieser Laterne nehmen, der sieht von allen noch am schönsten aus.“

Das kleine Mädchen freute sich, band den Tannenbaum von der Laterne, und gemeinsam trugen sie ihn nach Hause. Dort wurde der Tannenbaum in einem schönen Schuh ins Wohnzimmer an den schönsten Platz gestellt – und tatsächlich, er wurde gehegt und gepflegt und mit Leckereien und Geschmeide. Danach stand die Familie um ihn herum und bewunderte ihn. Der Tannenbaum war so stolz, noch einmal reckte und streckte er sich und bestaunte sich selbst. Dabei bemerkte er gar nicht, dass er noch viele weitere Nadeln verlor.

Der Tannebaum war glücklich

Es gab ein großes Fest mit einem fein gedeckten Tisch, mit Weihnachtsliedern und Geschenken. Der Tannenbaum war glücklich und dachte an die anderen Tannenbäume im Wald, die es jetzt nicht so gut hatten.

Ein paar Tage später kam die Mutter der Familie und fing an, den Tannenbaum abzuschmücken. „He“, sagte der Baum, was machst Du mit mir?“ Aber man hörte ihn nicht. Dann nahm der Vater den Tannenbaum aus seinem schönen Schuh und trug ihn vor das Haus, wo schon viele andere Tannenbäume lagen. Sie sahen allesamt traurig aus, manche hatten schon fast ihre ganzen Nadeln verloren. Wieder kam ein Gefährt, und man trug die Tannenbäume auf eine große Ladefläche. Dann begann eine Fahrt ins Ungewisse. Dem Tannenbaum war nicht wohl zumute, er hatte ein ganz komisches Gefühl im Stamm und bekam es mit der Angst zu tun. Man hielt mit dem Gefährt vor dem großen Wald, aus dem er stammte. Davor loderte ein großes Feuer. Ein Baum nach dem anderen wurde dort hineingeschmissen, und es zischte und qualmte. Der Tannenbaum musste alles mit ansehen und sehnte sich plötzlich zurück zu seiner kleinen Schonung. Doch auch ihm blieb sein Schicksal nicht erspart, und er wurde in die Flammen geworfen. Dort weinte er ein paar letzte Tannenharztränen, bevor er in Flammen aufging. Es qualmte und zischte noch lange, lange Zeit. Die anderen Tannen in der Schonung wunderten sich über den üblen Geruch und den stechenden Qualm. Und ein noch sehr kleiner Tannenbaum fragte einen schon größeren: „Was geht denn dort vor dem Wald vor sich?“ Und der größere Tannenbaum antwortete: „Ach, das sind nur die Menschen!“

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