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Barmstedter Zeitung

20. Oktober 2017 | 16:29 Uhr

Barmstedt : Steine erinnern an Schicksale

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Gedenken an Zwangsarbeiter in Barmstedt: Sechs Steine an der Mühlen- und der Austraße verlegt. Schüler diskutieren mit dem Künstler.

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erstellt am 03.Dez.2015 | 00:33 Uhr

Barmstedt | Gunter Demnig ist Profi. Mit schnellen Bewegungen hebelt er mehrere Pflastersteine auf dem Bürgersteig an der Austraße heraus, platziert vier goldglänzende Steine, umrahmt sie mit vier schlichten Pflastersteinen, klopft alle fest und verfüllt die Stelle mit Sand und Kies. Nach einer knappen Viertelstunde ist er fertig – und auf der Zufahrt zur Schlickumsiedlung liegen seit gestern vier Stolpersteine. Von der Austraße aus ging es weiter zur Mühlenstraße, wo Demnig zwei Stolpersteine vor dem Haus Nummer 39 verlegte.

Die sechs neuen Stolpersteine sollen an das Schicksal von drei Zwangsarbeitern und deren Kindern erinnern, die während der NS-Zeit in Barmstedt gelebt hatten. Die Kinder starben dort. Demnig – der gestern und am Dienstag auch in Quickborn und Wedel Steine verlegt hatte – war auf Initiative der AG Stolperstein nach Barmstedt gereist. Zu den Verlegungen hatte die AG auch mehrere Schulklassen eingeladen. „Wir hatten uns im letzten Jahr im Rahmen der Profilwoche mit den Schicksalen der Zwangsarbeiter befasst“, berichtete Sophie Schmidt (16) aus dem zwölften Jahrgang des Gymnasiums. Zusammen mit zahlreichen Mitschülern verfolgte sie die Verlegung an der Austraße. Mitglieder der Geschichts-AG des 13. Jahrgangs verteilten einen von ihnen erarbeiteten Flyer, der über die Zwangsarbeiter in Barmstedt informiert. „Außerdem wollen wir demnächst Spenden sammeln, um einen der Gedenksteine auf dem Friedhof zu finanzieren“, sagte Tom Haberl (18).

An der Mühlenstraße hatten sich drei zehnte Klassen der Gemeinschaftsschule eingefunden. „Wir hatten Projekttage zu diesem Thema und waren auch im ehemaligen KZ Neuengamme“, sagte Anna Lena Masekowsky (15), die neben den Stolpersteinen eine Rose niederlegte. „Ich finde es gut, dass so etwas zum Gedenken gemacht wird“, sagte sie.

Mittags fuhr Demnig zum Gymnasium, wo er vor Oberstufenschülern über die Entstehungsgeschichte der Stolpersteine berichtete. Mucksmäuschenstill war es, als er eindringlich Sinn und Bedeutung der Verlegung der Steine erläuterte und wie unterschiedlich die Reaktionen der Städte und Anwohner ausgefallen seien.

 

„Gab es auch Konflikte?“ wurde Demnig während der anschließenden Diskussion gefragt. „Es treten Vermeidungsstrategien auf, wie etwa in München“, erwiderte er. Dort habe der Ältestenrat statt der Steine für Stelen oder Tafeln gestimmt. „Einige der Herren mit Villen befürchten vor ihrer Haustür einen Stolperstein“, so Demnig. Die beste Erklärung für den Begriff Stolperstein habe ihm ein Schüler geliefert, sagte er: „Niemand fällt beim Hinauftreten hin, sondern stolpert mit dem Herzen und dem Kopf.“

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