So funktioniert die Integration

Erntezeit im bunten Garten: Die Helfer bauen dort Bohnen an, die jetzt geerntet und zum Kochen genutzt werden können. Passende Rezepte werden an Ort und Stelle ausgetauscht.
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Erntezeit im bunten Garten: Die Helfer bauen dort Bohnen an, die jetzt geerntet und zum Kochen genutzt werden können. Passende Rezepte werden an Ort und Stelle ausgetauscht.

Ehrenamtliche und Flüchtlinge bewirtschaften zusammen Garten der Kulturen / In einer Werkstatt werden gemeinsam Räder repariert

shz.de von
28. Juli 2018, 16:00 Uhr

Flüchtlingshilfe in Barmstedt – dazu sind in den vergangenen Jahren mehrere Projekte in Stadt und Umland initiiert worden – darunter der Garten der Kulturen und die Fahrradwerkstatt. Im bunten Garten der Kulturen als interkulturelles Projekt des Integrationszentrums Leuchtturm wird derzeit intensiv gearbeitet. Heiner Möller und Simone Strandmann begrüßen mit ihrem Team regelmäßig Flüchtlingsfamilien, die gleich mit anpacken, während die Kinder die Sandkiste entern.

„Wir jäten fortlaufend Wildkräuter in den Beeten“, berichtet Möller über die Arbeit. Aktuell müssen außerdem Bohnen geerntet werden. Idriss Ahmad hat auch gleich ein Rezept dazu parat. Grüne Bohnen mit Rindfleisch, Tomaten und vielen Zwiebeln schmoren, Salz und Pfeffer dazu, und fertig ist das leckere Gericht. „Wir haben Radieschen, Petersilie, Salat, Gurken, Pferdebohnen, rote Bete und Kartoffeln gesät“, zählt Möller auf. Im Gewächshaus reifen Tomaten, Chilis und Paprika sowie Auberginen. Was geerntet werden kann, nehmen die Flüchtlinge mit nach Hause.

Nach der Arbeit wird der Tisch auf der überdachten Terrasse gedeckt. Jemand hat Kuchen mitgebracht. Gemütlich trinken die Besucher Kaffee, Saft und Tee und klönen. Azis Jamshedi erzählt, dass er vor Kurzem seine Familie aus Afghanistan nachholen konnte und sitzt mit seiner Frau und den beiden Töchtern nun strahlend auf der Bank. „Sie haben jetzt Sprachunterricht“, sagt er. In Gesprächen werden Probleme erörtert oder Tipps ausgetauscht. Jeden Freitag von 15 bis 17 Uhr ist der bunte Garten Treffpunkt für jeden, der Lust hat mitzuhelfen und zu klönen. „Der Garten ist für alle Altersgruppen geöffnet“, betont Möller.

Weitere wichtige Adressen für die Flüchtlinge in Barmstedt sind der Leuchtturm und die Fahrradwerkstatt an der Düsterlohe. In der Garage des stadteigenen Gebäudes ist Uwe Nebel tätig. Geöffnet ist die Werkstatt immer montags von 12 bis 15 Uhr.Der gelernte Heizungsmonteur war die letzten dreizehn Jahre bei der Firma Beiersdorf in der Technik tätig. Heute ist er Rentner und bringt sich eh-renamtlich in der Flücht-lingshilfe ein. „Technik be-geistert mich immer noch. Wenn ein Asylbewerber ein Fahrrad benötigt, bekommt er einen Bedarfsschein, mit dem die Mitbewohner zu mir kommen. Ich suche dann mit ihnen ein Fahrrad aus“, so Nebel. Die Räder sind größtenteils von Barmstedtern gespendet, aber nicht immer straßentauglich. „Je nach Zustand zahlen die Flüchtlinge einen kleinen Beitrag bis maximal 30 Euro, Kinder zahlen nichts. Damit soll das Rad als Wertgegenstand anerkannt werden, mit dem gut umgegangen werden soll. Das können nicht alle.“

Wenn sie ihr Fahrrad abholten, versuche er mit ihnen gemeinsam die Reparaturen durchzuführen. „Viele sind mit der Technik völlig überfordert, können nicht einmal einen Schlüssel halten. Einen Schlauch flicken geht aber schon mal.“ Manche wollen aber auch gar nicht mithelfen. „Aber so etwas lasse ich an mich nicht heran, ich habe viel Freude an dieser Tätigkeit.“ Aktuell ist er gerade mit einem Dreirad beschäftigt, der Antrieb ist defekt, eine Schraube ist abgerissen. Dieses Rad ist für die Frau von Saddam al Hashaedi bestimmt. Er fragt nach und bittet gleichzeitig um Reparatur seines eigenen Untersatzes. „Wir sind vor dem Krieg aus dem Jemen geflohen. Dort ist alles zerbombt“, berichtet al Hashaedi. „Bis zuletzt war ich bei einer Ölgesellschaft tätig. Seit drei Jahren lebe ich jetzt mit meiner Frau und unserem neun Monate altem Kind in Barmstedt.“

Derzeit besuche er die Schule und lernt die deutsche Sprache. „Ich spreche schon arabisch, türkisch und englisch, aber deutsch ist noch schwerer“. Nach der Schule will er eine Lehre als Automechaniker machen. Jetzt verdient er sich als Pizzabote und mit anderen kleinen Tätigkeiten zusätzlich Geld.

Ein ganz anderes Schicksal haben Khaditje Shirzad (21 Jahre) und Sherbihola Mobarakzade (22 Jahre) hinter sich. Das Ehepaar kommt aus Kundus in Afghanistan, dort gingen sie zur Schule. Seit zwei Jahren und sechs Monaten sind sie mit ihrer kleinen Tochter in Deutschland. Er hat zunächst einen sechsmonatigen Deutschkurs be-sucht, danach für neun Mo-nate die Wirtschaftsakade-mie in Elmshorn. Jetzt folgt ein weiterer Deutschkurs in Tornesch. „In Afghanistan gibt es keine Zukunft für junge Menschen. Wir wollen hier neu beginnen. Für eine kleine Erinnerung an die Heimat besorgen wir uns den Reis bei einem afghanischen Händler in Hamburg“, so die Eheleute.

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