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Flüchtlinge in Barmstedt : Sie wollen der Gewalt entkommen

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Salim Al Gazar und Abdulhameed Al Ageri sind vor wenigen Monaten nach Deutschland geflohen. Ein Barmstedter unterstützt die beiden.

Barmstedt | Sie sind zwei Männer mit zwei unterschiedlichen Geschichten, kommen aus zwei verschiedenen Ländern – und haben in der Region Barmstedt vorerst eine neue Heimat gefunden. Salim Al Gazar aus dem Irak und Abdulhameed Al Ageri aus dem Jemen könnten aber unterschiedlicher kaum sein: Al Gazar, 55, hat stets ein Lächeln auf den Lippen und spricht bereits viel Deutsch, obwohl er erst seit acht Monaten im Land ist. Gerechtigkeit sei ihm wichtig, sagt er. Gerechtigkeit – das Wort wiederholt er immer wieder. Wegen der instabilen Lage im Irak sei er nach Deutschland geflohen. Gewalt und Chaos habe er in seiner Heimat erlebt.

Der Blick von Al Ageri ist häufiger gesenkt. Der Mann aus dem Jemen hat die Gewalt am eigenen Leib zu spüren bekommen. Bei einem Attentat in seinem Geschäft in Al Bayda wurde er beinahe getötet. Mehrere Kugeln durchschlugen seinen Körper, auf dem rechten Auge ist er seither blind. Beide Männer sind gekommen, um ihre Geschichte zu erzählen. Unterstützt werden sie im Alltag von Egon Stach aus Barmstedt. Auch er hat ein Anliegen: Stach und die Seniortrainer im Kreis Pinneberg wünschen sich, dass weitere Menschen wie er Patenschaften für Flüchtlinge übernehmen. „Es muss jemand dabei sein“, so Stach, „damit die Flüchtlinge in ihrer neuen Umgebung gut durch den Alltag kommen.“

Anders als Al Gazar spricht Al Ageri kaum Deutsch, auch mit Englisch ist es schwierig. Die Kommunikation läuft daher über Al Gazar. „Wir sprechen Arabisch miteinander“, sagt er. Dann erzählt Al Ageri, was am 11. November 2013 geschah. Er habe ein Elektronikgeschäft in Al Bayda, 150 Kilometer südöstlich der Hauptstadt Sana’a, gehabt. An dem Tag im November sei ein Motorradfahrer zu ihm gekommen und habe etwas kaufen wollen. Als Al Ageri sich wieder zu seinem Kunden drehte, habe der plötzlich eine Kalaschnikow in der Hand gehabt. Fünf Kugeln trafen den 31-Jährigen unter anderem in die Lunge, den Arm und über dem rechten Auge. Der Anschlag sei von Al-Kaida verübt worden, sagt der Jemeniter. 120 Menschen seines Clans seien in den vergangenen Jahren bereits getötet worden – darunter auch sein Bruder.

Später nahm Al Ageri mit der deutschen Botschaft im Jemen Kontakt auf, besorgte sich ein Visa und kaufte sich ein Flugticket über Dubai nach Berlin. Unter anderem sei er in der Berliner Charité und den Asklepios Kliniken Hamburg behandelt worden. „Sein Augenlicht war aber nicht zu retten“, sagt Stach.

Am wichtigsten ist für den 31-Jährigen derzeit sein Smartphone – mit dem hält er Kontakt zu seiner Frau und den beiden Kindern. „Er bedauert es sehr, dass die Familie nicht hier ist“, sagt Stach. Ohne sie zu gehen, sei für ihn sehr schwer gewesen. Ihnen gehe es gut, so Al Ageri. Noch sei er kein anerkannter Flüchtling. Bekomme er die Bestätigung, wolle er Frau und Kinder sofort nachholen. Auch Deutsch möchte er lernen, um später zu studieren oder eine Berufsschule zu besuchen. „Ich will nicht wieder zurück“, sagt er.

Mit Hilfe von Stach hat der 31-Jährige sich eine Wohnung in Barmstedt eingerichtet. „Er hat viel gearbeitet, um seine Bleibe schön zu gestalten“, sagt Stach. Auch hier sei Unterstützung ein entscheidender Faktor. „Das Entscheidende ist, dass sich jemand kümmert“, sagt Stach – schon aufgrund der Sprachbarriere.

Salim Al Gazar ist wegen der Unruhen im Irak aus Mossul nach Deutschland gekommen. In dem Chaos seien unter anderem sein Laden und sein Auto zerstört worden. Al Gazar arbeitete als Händler im Irak. Angst, zu sterben, habe er nicht. „Aber es gibt keine Gerechtigkeit, es herrscht allgemeines Unrecht. Gerechtigkeit und Wahrheit sind mir wichtig“, betont er.

Al Gazar floh in die Türkei, wo er vier Monate arbeitete. Über die Balkan-Route wurde er im Lkw über Bulgarien und Ungarn nach Österreich gebracht. Über Wien und Salzburg kam er nach Hamburg, in Neumünster stellte er seinen Asylantrag. Das Verfahren läuft derzeit noch. „Ich würde lieber arbeiten, als Geld vom Staat zu bekommen“, sagt er. Aber das gehe nicht, so lange er nicht anerkannt sei. Acht Monate sei er bereits in Deutschland. „Das ist schlimm, dass es so lange dauert“, sagt Stach über die Asylverfahren der beiden Männer.

Stach hofft, dass sich weitere Menschen melden, die Patenschaften übernehmen und den Flüchtlingen im Alltag helfen möchten. Wer daran Interesse hat, kann sich bei Anda Zdravac-Vojnovic unter 0160/92781171 melden. Ansprechpartner für das Amt Rantzau ist Alexander Harms unter 04123/688162, für das Amt Hörnerkirchen ist es Marlis Winter unter der Telefonnummer 04127/357.

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erstellt am 24.Sep.2015 | 16:00 Uhr

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