Bundesjugendspiele : Schulleiter in der Region sprechen sich für Fortbestand aus

Grausame Demütigungoder spaßiger Wettkampf? Bei den Bundesjugendspielen gehen die Meinungen auseinander.
Grausame Demütigungoder spaßiger Wettkampf? Bei den Bundesjugendspielen gehen die Meinungen auseinander.

Verantwortliche in Barmstedt und Elmshorn sind sich einig. Eine Mutter aus Konstanz hatte den Ball ins Rollen gebracht.

shz.de von
17. Juli 2015, 14:30 Uhr

Barmstedt/Elmshorn | Traumatisieren die Bundesjugendspiele die Schüler? Verderben sie ihnen die Lust auf Sport? Sind sie ein grausames Demütigungsritual für Kinder, die keine Ehren- oder Siegerurkunde erhalten? Eine Mutter aus Konstanz sieht es so und hat die Online-Petition „Bundesjugendspiele abschaffen“ gestartet, die Tausende unterzeichnet haben. Aber wie sehen die Schulen zwischen Barmstedt und Elmshorn die Situation?

Schwimmlehrerin Elke Kunde, die seit zehn Jahren für die Lutzhorner Schulkinder die Bundesjugendspiele im Schwimmen organisiert, war nach dem Lesen eines Artikels über die Abschaffung fassungslos. „Diese Ansicht ist der totale Quatsch“, bricht es aus ihr heraus. „Ist die Zensur 4 auch diskriminierend gegenüber der 1?“, fragt sie. „Kinder sehen das nicht so wie Eltern“, weiß sie aus langjähriger Erfahrung als Mitarbeiterin der Schulen für Bundesjugendspiele. „Die Kinder sind aufgeregt, begeistert dabei und freuen sich.“

Kunde verteilte Urkunden für die ersten beiden Jahrgänge der Lutzhorner Grundschule. Jüngst fanden die Bundesjugendspiele in der Barmstedter Badewonne statt. „Alle erhielten eine Urkunde, auch die Nichtschwimmer, auf deren Urkunden der Vermerk ‚mit Hilfsmittel‘ steht“, sagt sie. Diese Kinder hätten von allen einen kräftigen Applaus erhalten und seien stolz gewesen, dabei zu sein. Die Lutzhorner Schule kooperiert mit der Sparrieshooper Schule unter der Leitung von Christiane Ringelstetter-Franz. Sie sieht ebenfalls keine Probleme, die Bundesjugendspiele durchzuführen. „Wir beziehen die Eltern als Helfer mit ein und gestalten gemeinsam eine feierliche Urkundenverleihung“, so Ringelstetter-Franz. Gerade Kinder, die in der Schule Probleme hätten, würden oft im Sport eine super Anerkennung erhalten. „Wir sind breitensportlich ausgerichtet und führen auch alternative Sportfeste durch“, so die Rektorin. „Wettkämpfe gehören zum Leben dazu“, sagt sie. Kinder würden lernen, sich miteinander zu vergleichen und die eigenen Leistungen zu beurteilen.

Die Hemdinger Grundschule hat vor Kurzem die diesjährigen Bundesjugendspiele durchgeführt. „Die Kinder freuen sich darauf“, sagt Schulleiterin Regina Knösel. Schüler, die nicht unbedingt Erfolge mit schulischen Leistungen vorweisen, würden häufig im sportlichen Bereich glänzen und in diesem Anerkennung erhalten. „Wir sollten den Kindern auch nicht jeden Stein aus dem Weg räumen“, sagt sie.

„Ein Stück Wettbewerb gehört zum Leben dazu“

So sieht es auch Anke Bothe, Schulleiterin der James-Krüss-Schule sowie der Grundschule in Bokholt-Hanredder. „In Barmstedt hatten wir bereits Bundesjugendspiele, in Bokholt haben wir sie in diesem Jahr aufgrund des zu erwartenden schlechten Wetters absagen müssen“, berichtet sie. „Ein Stück Wettbewerb gehört zum Leben dazu“, so Bothe. Diese Spiele spiegelten auch den Inhalt des Sportunterrichts wider. Nach einem gestaffelten Punktesystem erhalten auch Schüler Urkunden, die keine sportlichen Höchstleistungen erbringen, dafür aber für Kriterien wie Ausdauer und Fleiß belohnt werden.

Die Schule in Brande-Hörnerkirchen wechselt Bundesjugendspiele mit Spaßspielen ab. „Kinder messen sich gern untereinander, das weckt auch den Ehrgeiz“, so Schulleiterin Ursula Harms. Alle Teilnehmer bekämen eine Urkunde. „Die Kinder haben auch Spaß an unseren Mathematik- und Lesewettbewerben“, so Harms. Jedes Kind habe seine individuellen Fähigkeiten. Dabeisein sei ihnen ebenso wichtig.

Die Ellerhooper Schule gehört zur Grund- und Gemeinschaftsschule (GGS) Barmstedt. In Ellerhoop gibt es einen fest etablierten Lauftag für die Grundschüler der Zwergschule. Die GGS führt Bundesjugendspiele durch. Schulleiter Bernd Poepping sagt: „Die GGS bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten an, individuelle Stärken der einzelnen Schüler darzustellen.“ Und weiter: „Eine Leistungsgesellschaft wie die unsere funktioniert mit erbrachten Leistungen.“ Es sollten auch die sportlichen Leistungen einzelner nicht geschmälert werden. „Wir ehren aber nicht nur die Besten, sondern auch diejenigen mit den besten sportlichen Entwicklungen“, so Poepping.

Auch für Lehrer und Schüler der Boje-C.-Steffen-Gemeinschaftsschule in Elmshorn sind Bundesjugendspiele kein Ansatz für Diskriminierungen. „Wir können durchaus über andere Formen eines Wettkampfes nachdenken“, so der stellvertretende Schulleiter Wolfgang Neumann. Es sei jedoch pädagogisch falsch, jegliche Art von Leistung zu unterdrücken. Die Schule biete verschiedene Arten von Sportfesten an. Auch solche, die nicht schneller, höher, weiter zum Ziel haben, sondern Sporterfahrungen und neue Sportarten kennenlernen. „Wir sollten die Kinder nicht in Watte packen“, betont Neumann.

Christine Finke aus Konstanz, Stadträtin, Journalistin  und Mutter von drei Kindern, hat die Petition zur Abschaffung der Bundesjugendspiele gestartet. „Die Bundesjugendspiele sind nicht mehr zeitgemäß: Der Zwang zur Teilnahme und der starke Wettkampfcharakter sorgen bei vielen Schülern für das Gefühl, vor der Peergroup gedemütigt zu werden. Daran hat auch die Einführung der ,Teilnahmeurkunde‘ für diejenigen, die am schlechtesten abschneiden, nichts geändert“, schreibt sie unter anderem. Bis gestern Nachmittag gab es 20.395 Unterstützer. change.org/p/petition-bundesjugendspiele-abschaffen-manuelaschwesig
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