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Barmstedter Zeitung

19. Oktober 2017 | 15:30 Uhr

Schicksals-Jahr mit Happy End

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Adrianos Leben hing am seidenen Faden / Familie bangte monatelang / Heute ist der Sechsjährige ein eifriger Erstklässler

shz.de von
erstellt am 31.Dez.2013 | 16:41 Uhr

Die Weihnachtsferien findet Adriano doof. Der sechsjährige Barmstedter wartet sehnsüchtig darauf, dass er wieder zur Schule gehen kann, und tollt ungeduldig durch die Wohnung. Was für ihn und seine Eltern nicht selbstverständlich ist: Vor einem dreiviertel Jahr war es sehr fraglich, ob Adriano überhaupt eingeschult wird.

Im April 2013 brach für seine Familie eine Welt zusammen. Nedja und Tom Holzhausen, die am 22. März geheiratet hatten, erfuhren, dass Adriano am lebensbedrohlichen Myelodysplastischen Syndrom (MDS) leidet. Die Blutkrankheit, bei der keine funktionstüchtigen Blutkörperchen mehr gebildet werden können, erforderte eine Stammzellentransplantation. „Nach mehreren Tests im Krankenhaus mussten wir der brutalen Wahrheit ins Auge sehen“, sagt Nedja Holzhausen, während sie neben ihrem Ehemann auf dem Sofa sitzt und auf das dramatische Jahr zurückblickt. Sie habe sich „hilflos, panisch und völlig überrannt“ gefühlt, als ihrem Sohn sofort Knochenmark entnommen wurde.

„Danach haben wir uns erstmal schlau gemacht, was diese Krankheit für Adriano bedeutet“, sagt Nedja Holzhausen. „Dann ging alles relativ schnell, so dass wir kaum zum Nachdenken kamen“, ergänzt ihr Mann. Die Anteilnahme am Schicksal des Sechsjährigen war ernorm: Etliche Medien berichteten über ihn, im Internet wurde eine Homepage für ihn eingerichtet. „Die Hilfsbereitschaft so vieler Menschen hat uns total überrascht“, sagen Nedja und Tom Holzhausen. „Wir wurden von den Ereignissen überrollt.“

Die Ideen, um Spenden für die Typisierungen zu sammeln, waren vielfältig: Eltern und Erzieher von Adrianos Kita „Rasselbande“ liefen mit Spenden-Aufruf-T-Shirts im Kinderfest-Umzug mit. Ein Teil des Kleidermarkt-Erlöses floss ebenfalls auf das Typisierungskonto. „Hilfe kam aus allen Richtungen, es war überwältigend. Unsere Familien haben am Limit gearbeitet“, sagt Tom Holzhausen. Für ihn kam erschwerend hinzu, dass er seine schwangere Frau und Adriano aus dem Geschehen herauszuhalten versuchte.

Am ersten Juli-Wochenende war es soweit: Die Typisierungs-Aktion stand an. 2000 Freiwillige ließen sich Blut abnehmen. „Einige haben sogar ihren Urlaub an Nord- oder Ostsee unterbrochen, andere kamen aus Berlin angereist“, so Tom Holzhausen. „Nach der Aktion haben wir zum ersten Mal durch und gehofft, denn jede Sekunde hat gezählt“, sagt seine Frau. Und Adriano? Er fand die vielen Plakate in Barmstedt mit seinem Bild darauf komisch und doof, dass ihn viele fremde Leute ansprachen und bedauerten.

Aber dann – nach nur zwei Wochen – kam der ersehnte Anruf. Ein Spender war ermittelt. „Ich wollte es nicht glauben“, sagt Nedja Holzhausen. Für die Familie hieß es: Sachen packen und ab ins Krankenhaus. Am 22. Juli erfolgte die Transplantation. Vier Wochen lang lag Adriano auf der Isolierstation. „Es war für ihn und mich schwer auszuhalten und erforderte viel Kraft“, sagt seine Mutter. Ihren Sohn seelisch zu unterstützen, das zähe Warten, ob die Transplantation erfolgreich war – es zerrte an ihren Nerven.

„Ich hatte die Hoffnung schon aufgegeben, da verbesserten sich Adrianos Werte rasant“, sagt Nedja Holzhausen. Nach eineinhalb Wochen auf der Kinderstation durfte er nach Hause – wo andere Herausforderungen auf die Familie warteten: Medikamente einnehmen, Mundschutz in der Öffentlichkeit, strikte Ernährung. Die Geburt von Carlos im September wirbelte erneut alles durcheinander. Nach den Herbstferien begann endlich der ersehnte Schulbesuch. „Wir haben die kleine Schule in Lutzhorn gewählt“, sagt Nedja Holzhausen. Für sie bedeutet das jeden Tag zwei Fahrradtouren mit Baby-Anhänger. Adriano ist glücklich. „Die Schule bringt riesigen Spaß“, sagt er mit leuchtenden Augen. Mit großem Ehrgeiz hat er Unterrichtsstoff nachgebüffelt und abends lieber in die Schulbücher schaut, als sich eine Geschichte vorlesen zu lassen.

„Langsam kehrt bei uns der normale Alltag ein“, sagen die Holzhausens. Vergessen werden sie das dramatische Jahr nicht. Zuerst der Fall ins Bodenlose, dann die überwältigende Hilfe der Familien und der Zuspruch der vielen Helfer und Spender, schließlich das Happy End. Glücklich ist das Paar, dass ihre Beziehung den enormen Belastungen stand gehalten hat – und drei tolle Geschenke gab es dazu. „Adriano hat ein neues Leben erhalten, wir haben Zuwachs in der Familie und ziehen bald in eine größere Wohnung“, so Nedja und Tom Holzhausen. „Und ich bekomme ein eigenes Zimmer“, freut sich Adriano, der den Eltern das Baby als stolzer großer Bruder gern zum Schmusen abnimmt.

Nach der gesetzlichen Frist von zwei Jahren will sich die Familie mit dem Spender von Adriano in Verbindung setzen. „Wir wollen ihm danken, dass Adriano mit seiner Hilfe leben kann“, so die Holzhausens.

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