„Ich dachte, Barmstedt sei unschuldig“ : Rundgang gegen das Vergessen

Die Klassen 10a und 10d unternahmen mit Vertretern der AG Stolperstein und ihren Lehrerinnen Ewa Stock und Sabine Liebig einen „Rundgang gegen das Vergessen“.
Foto:
1 von 2
Die Klassen 10a und 10d unternahmen mit Vertretern der AG Stolperstein und ihren Lehrerinnen Ewa Stock und Sabine Liebig einen „Rundgang gegen das Vergessen“.

Rundgang: AG Stolperstein informiert Zehntklässler über die NS-Zeit in Barmstedt. Diskussion über die heutige Sichtweise.

shz.de von
29. März 2017, 12:30 Uhr

Barmsted | Bei einem „Rundgang gegen das Vergessen“ haben sich gestern 47 Zehntklässler der Barmstedter Grund- und Gemeinschaftsschule über NS-Verbrechen in Barmstedt informiert. Vertreter der Arbeitsgemeinschaft (AG) Stolperstein, die die Aktion organisiert hatten, berichteten ihnen zunächst über Hans Dössel, der 1919 nach Barmstedt kam und als überzeugter Nationalsozialist als Lehrer und in verschiedenen Organisationen aktiv war.

Bei ihrem Rundgang erfuhren die Zehntklässler auch Wissenswertes über die Situation der etwa 500 Zwangsarbeiter, die während des Krieges in Barmstedt schuften mussten und ihren „Arbeitgebern“ auf Gedeih und Verderb ausgeliefert waren. An ihr Schicksal erinnern vier Stolpersteine an der Austraße, der zweiten Station des Rundgangs. Den dritten Stopp legten die Schüler vor der Königstraße 29 ein, wo ein Stolperstein an das Euthanasie-Opfer Rudi Sass erinnert. Er war 1942 in einer so genannten Heilanstalt in Schleswig unter nicht ganz geklärten Umständen ums Leben gekommen.

Lebhaft ging es bei der abschließenden Diskussion in der Schul-Aula zu. Mehrere Schüler berichteten, sie hätten lange nicht gewusst, dass es auch in Barmstedt nationalsozialistische Verbrechen gegeben habe. „Sonst hat man sowas immer nur aus großen Städten wie Berlin und München gehört – jetzt ist es auch hier bei uns konkret“, sagte ein Schüler. Ihm sei etwa früher nie bewusst gewesen, „wie viele Zwangsarbeiter hier gelebt haben“. Ihre Großmutter habe nie ein Wort über die Zeit verloren, ergänzte eine Mitschülerin. „Ich habe immer gedacht, Barmstedt sei unschuldig.“ Sie glaube, die meisten Zeitzeugen „konnten nicht darüber sprechen – aber fragt eure Großeltern doch einfach mal“, ermutigte Lehrerin Sabine Liebig die Schüler.

Ein weiterer Schwerpunkt der Diskussion war das Thema Schuld. „Ich kann verstehen, dass die Taten nicht vergessen werden sollen. Aber manchmal heißt es immer noch, dass wir daran Schuld haben – das stimmt aber nicht und nervt“, sagte einer der Schüler. Es liege ihm fern, ihnen Schuld einreden zu wollen, erwiderte AG-Mitglied Lucian Bucke. „Ihr seid nicht schuldig!“ Vielmehr gehe es der AG darum, „dass wir nie wieder in so eine Situation hineingeraten. Und dafür seid ihr die Hoffnung.“

Nach dem Rundgang diskutierten die Schüler noch lange mit den AG-Mitgliedern.
Foto: Elisabeth Meyer
Nach dem Rundgang diskutierten die Schüler noch lange mit den AG-Mitgliedern.
 

Viele Deutsche lehnten es aber offenbar ab, an die NS-Zeit erinnert zu werden, sagte Bucke – was ebenfalls Widerspruch provozierte. „Ich finde, man muss mal damit abschließen“, erwiderte ein Schüler. „Andere Länder arbeiten ihre dunkle Geschichte gar nicht auf.“ Der Satz „Es muss mal Schluss sein“ sei schon 1946 im Kieler Landtag gefallen, sagte AG-Mitglied Helmut Welk. „Und jetzt wird er uns immer noch jeden Tag um die Ohren gehauen.“ Bei der Frage, ob man stolz darauf sein dürfe, deutsch zu sein, waren die Meinungen ebenfalls geteilt. „Man kann das nicht sein, ohne blöd angemacht zu werden“, sagte ein Schüler – während eine Mitschülerin meinte: „Ich bin das. Weil Deutschland ein tolles Land ist, das vielen Staaten hilft und auch viel gegen Kriege unternimmt.“

zur Startseite
Karte

Kommentare

Leserkommentare anzeigen