Rantzauer See feiert Geburtstag

Schwerstarbeit: Mehr als 200 Männer huben täglich massenweise Erde für das Staubecken aus.
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Schwerstarbeit: Mehr als 200 Männer huben täglich massenweise Erde für das Staubecken aus.

Von 1934 bis 1937 wurde das Staubecken vom Reichsarbeitsdienst angelegt / Einweihung 1938 / Kinder spielten auf der Baustelle

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25. August 2018, 15:59 Uhr

Eine von Barmstedts größten Touristenattraktionen feiert in diesem Jahr runden Geburtstag: Der Rantzauer See wird 80. Das 7,5 Hektar große Gewässer wurde von 1934 bis 1937 vom Reichsarbeitsdienst (RAD) ausgehoben und 1938 eingeweiht. Wie kam es zu einer derart umfangreichen Maßnahme? „Der Plan, im Rahmen der Krückauregulierung einen Stausee zu errichten, war bereits Ende der 20er-Jahre im Gespräch“, schrieb Ernst-Adolf Wiechers in dem Buch „Die Geschichte des Rantzauer Sees von 1932 bis 1938“. Die Krückau mäandrierte damals durch Wiesen und Ackerland und überflutete sie bei Regenfällen und Schneeschmelze. „Es kam vor, dass im Sommer das Heu von den Fluten weggetragen wurde“, schrieb Wiechers. Bauern konnten ihr Vieh wegen Überflutungen nicht auf die Weiden treiben.

Der Müller der Rantzauer Wassermühle hatte das Staurecht und während der Winterhälfte die Krückau gestaut, um das bei ihm lagernde Korn zu mahlen. Er sollte das Wasser künftig aus dem Staubecken entnehmen. Die Krückau sollte ab Schlickum sowie im Bereich der Großendorfer Wiesen bis zur Heeder Brücke vor den Grelckschen Tannen begradigt werden.

Barmstedts Bürgermeister Paul Schröder erhoffte sich durch das große Staubecken zudem mehr Tourismus. Doch um dieses Ziel zu erreichen, galt es, etliche bürokratische Hürden zu nehmen und Kosten zu stemmen. Der Bau des Sees sollte 195000 Reichsmark kosten. Zudem gehörte das Land mehreren Parteien wie Müller, Stadt, Kirche, Bauern und einem Gärtner, die sich keineswegs einig waren. Der Müller, dem – wie Heimatforscher Helmut Trede vermutet – das Staubecken zu flach war, schaltete einen Anwalt ein. Die Stadt konnte mit der Kirchengemeinde ein Stück Land tauschen. Proteste von anliegenden Bauern schmetterte der Regierungspräsident Schleswig-Holsteins ab.

Am 20. April 1934 erfolgte schließlich feierlich der erste Spatenstich durch Schröder. Der Spaten ist heute im Museum zu finden (siehe Info-Kasten). Zum Aushub waren mehr als 200 Männer des RAD angereist. Die Gruppen wurden jeweils nach einem halben Jahr abgelöst. Sie wohnten im Gebäude der Schlachtabfallgesellschaft, wo heute die Meierei steht. Bis 1936 war der RAD freiwillig, und es arbeiteten viele Studenten und Arbeitslose aus allen Teilen Deutschland mit. Jeden Tag arbeiteten sie bis zu acht Stunden – für 25 Pfennige Lohn am Tag. Eine Flasche Bier kostete sieben Pfennige. Eine Firma legte Schienen für Loren bis Schlickum, um die Erde abtransportieren zu können.

Der Barmstedter Heinrich Beck erinnert sich: „Ich war zehn Jahre alt, wir Jungen spielten an den Wochenenden, wenn der RAD frei hatte, an der Baustelle.“ Sie hätten bei Schlickum die Loren angeschoben, seien aufgesprungen und in hohem Tempo bis zum großen Matschloch des Staubeckens gerattert. Kurz davor seien sie wieder abgesprungen. „Wir hatten schon Fahrt drauf, es ging ab Schlickum nur bergab“, sagt Beck. Manchmal sei auch eine Lore umgekippt, aber niemandem sei etwas passiert. Zu Hause habe er Ärger bekommen. „Meine Eltern sahen an meiner verdreckten Kleidung, wo wir uns rumgetrieben hatten“, sagt er lachend.

Wiechers lässt einen ehemaligen Arbeiter zu Wort kommen, der von der Mühsal der Plackerei sprach und davon, dass das Wasser der Krückau mehrfach den noch jungen und weichen Deich durchbrochen habe. In den drei Jahren Bauzeit wurden 160 000 Kubikmeter Erde bewegt. Am 18. September 1937 wurde der See mit Wasser gefüllt – mit vielen Ehrengästen, Bürgern und Musik. Zur 800-Jahr-Feier der Stadt im Juli 1938 wurde das Staubecken offiziell als Rantzauer See eingeweiht. Auch die Seegaststätte, das Strandbad, die Bootsvermietung und die Eisbrücke waren dann fertig gestellt. Dort wurden, wenn der See zugefroren war, Eisblöcke von der Brauerei ausgesägt und in tiefen, isolierten Kellern gelagert. Karpfen wurden ebenfalls in den See gesetzt. Sie wurden mit Namen Barmstedter Geschäftsleute gekennzeichnet.

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