Barmstedt : Platt-Paket im Humburg-Haus

Jochen Wiegandt (v. l.), Gerd Spiekermann und Lars Luis  Linek servierten Lieder und Döntjes im Paket.
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Jochen Wiegandt (v. l.), Gerd Spiekermann und Lars Luis Linek servierten Lieder und Döntjes im Paket.

Jochen Wiegandt, Gerd Spiekermann und Lars Luis Linek servieren dem Publikum im Humburg-Haus ein fröhliches Platt-Paket.

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19. Januar 2015, 10:00 Uhr

Barmstedt | Ein Platt-Paket hatte Lars Luis Linek Barmstedt versprochen – ein Platt-Paket hat Barmstedt bekommen: Platt satt. Das Paket waren Jochen Wiegandt, Gerd Spiekermann und er, und zusammen sorgten sie mit niederdeutschen Liedern und Geschichten für ein ausverkauftes, brodelndes Humburg-Haus. „Erstmal: Moin!“ Linek mit seiner überraschenden Kombination von plattdeutschen Texten und Blues ist ein wunderbares Gesamtkunstwerk aus tiefgründigem Humor und norddeutscher Lakonie, der es schafft, allein mit seinem Snutenhobel einen Saal auszufüllen. Es war bereits sein drittes Barmstedter Konzert, und es ist spannend zu beobachten, wie auch ein Virtuose sich weiterentwickelt: Seine Modulation, die ganze Seele musikalischer Bluesphrasen, wird von Konzert zu Konzert lebendiger, überraschender, köstlicher.

In die Fußstapfen der großen Hamburger Volkssänger tritt Jochen Wiegandt, der sich mit Gitarre, wissenschaftlicher Akribie und großem Herzen dem alten norddeutschen Liedgut widmet. „Liederatur“ nennt er das, und dass sie nicht nur alt, sondern noch immer präsent ist, beweist sein Barmstedter Publikum, das in der Regel schon nach den ersten Akkorden einstimmt.

Und Gerd Spiekermann, der begnadete Verteller. Klein, rund und voller Energie, mit sparsamer, aber umso effektvollerer Mimik erzählt er die Döntjes von der Jugend an der Waterkant, zärtliche Geschichten von geliebten und gefürchteten Großmüttern, die mit strengem Blick zum Teller auf das opeten achteten. Und überhaupt steht er mit seiner ganzen Erscheinung für die ganz spezielle Sinnlichkeit der norddeutschen Kulinarik.

Niemand kann so überzeugend vom Glücksmoment nordischer Papillen erzählen, wenn die würzige Paste ihre aromatische Schärfe entwickelt. Spätestens beim Thema Früchtecocktail allerdings steckt der ganze Saal mit dem Löppel in der Dose und sucht nach der legendären Cocktailkirsche. Der einen. Pro Dose. Und Spiekermanns Mimik fällt in sich zusammen, wenn er vom Trauma seiner Jugend erzählt: Sin Vadder war mit sin Löppel immer schon vorher in der Dose gewesen.

„Witzig, tiefsinnig, hintergründig” fand die fröhliche Julia Steig, die mit ihrem kompletten Plattdeutsch-Kurs aus Elmshorn angereist war, den Abend. Gerade die Heterogenität der drei Künstler war spannend, weil sie das ganze Panoptikum norddeutschen Charakters und seiner Befindlichkeiten umschlossen. In einem waren sich die drei allerdings einig: Die patenten Deerns sind das Beste am Norden. Mit einer gesungenen Liebeserklärung verabschiedeten sie so auch Steig mit einem wunderbaren Kompliment in die Nacht.

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