zur Navigation springen

Rantzauer See : Neue Erkenntnisse über Barmstedts Geschichte

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Wassermüller und Stadt stritten um Land und ein Rechtsanwalt wurde inhaftiert.

shz.de von
erstellt am 31.Okt.2014 | 16:00 Uhr

Barmstedt | Er habe es irgendwie geahnt, sagt Helmut Trede. „Es konnte eigentlich nicht angehen, dass alles so toll war, wie es immer erzählt wird.“ Daher sei er nicht sonderlich überrascht gewesen, als er in den historischen Unterlagen der Stadt Barmstedt auf einen Konflikt stieß, der sich Anfang der 30er Jahre vor dem Bau des Rantzauer Sees zugetragen hatte. „Da kriegt die heile Welt ein paar Risse“, stellt der Bokeler Regionalhistoriker fest, der seit einiger Zeit das Archiv für die Stadt und das Amt Hörnerkirchen erstellt.

Aus der Akte – die den Vermerk ,Vertraulich’ getragen habe – geht laut Trede hervor, dass sich der Wassermüller Diedrich Mohr dagegen wehrte, der Stadt ein Stück Land für den Bau des Rantzauer Sees abzugeben. Er forderte Entschädigung und Schadenersatz und wollte den Beginn der Erdarbeiten auf seinen Ländereien nicht gestatten. Das wiederum wollte sich Bürgermeister Paul Schröder nicht bieten lassen, zumal der Arbeitsdienst drohte, die bereits angerückten 200 Mann wieder abzuziehen, wenn es nicht bald losgehe. Schröder – vertreten durch seinen Rechtsanwalt Ernst Ludwig Schulze-Langemann – verlangte von Mohrs Rechtsanwalt Hermann Raabe, er möge seinen Mandanten „mit Nachdruck“ zur Zusammenarbeit bewegen.

Wenige Tage später – an der Lage hatte sich nichts geändert – wurden in Raabes Wohnhaus an der Königstraße die Scheiben des Ess- und des Kinderzimmers eingeworfen. Seine fünfjährige Tochter, die in ihrem Bett gelegen hatte, war mit Glassplittern übersät. Die Polizei nahm die Tat auf; ein Täter wurde jedoch nicht ermittelt.

Raabe wollte die Barmstedter über die seiner Ansicht nach wahren Hintergründe beim Bau des Sees aufklären und legte sie in einem Leserbrief dar, der in der Barmstedter Zeitung erschien. Eine Woche später bezeichnete Schröder Raabe im Rahmen einer eigens einberufenen Volksversammlung als „Staatsfeind“ und „Feind der Arbeitsbeschaffung“. Und während sich die Stadt und Mohr wenig später einigten und am 20. April 1934 der erste Spatenstich für den See erfolgte, schwelte der Streit zwischen dem Anwalt und dem Bürgermeister weiter.

Verhaftung und Entlassung

Raabe fand heraus, dass der örtliche SS-Sturmführer Johannes Blaubach für den Anschlag auf sein Haus verantwortlich war. Er verbreitete diese Aussage am 3. November 1934 per Brief an etwa 100 Barmstedter Bürger, die beteiligten Behörden und den Innenminister. Er wurde umgehend verhaftet und erst nach zehn Tagen entlassen.

Der Bau des Sees ging voran; am 2. und 3. Juli 1938 wurde er feierlich eingeweiht. Doch der Streit zwischen Raabe und Schulze-Langemann war damit nicht beendet: Raabe warf der Stadt vor, beim Bau der Seegaststätte Steuergelder verschwendet zu haben. Der Zweite Weltkrieg unterbrach die Auseinandersetzungen vorübergehend. Sie loderten wieder auf, als Schulze-Langemann nach Kriegsende versuchte, wieder als Anwalt zugelassen zu werden. Das wollte Raabe mit aller Macht verhindern – was ihm jedoch nicht gelang. 1947 erledigte sich der Streit auf andere Weise: durch den Tod von Schulze-Langemann. Doch die alten Streitigkeiten seien lange vergessen, resümiert Trede. „Der Rantzauer See erfreut seit jeher die Besucher aus nah und fern.“

Die ausführliche, von Helmut Trede verfasste Geschichte über den Konflikt wird im nächsten Heimatkundlichen Jahrbuch des Kreises Pinneberg veröffentlicht. Es soll Mitte November erscheinen.
Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen