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Ein Überlebenskünstler im Moor : Leser berichten über ihre Erlebnisse mit Ernst Otto Karl Grassmé

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Weitere Leser berichten über ihre Erlebnisse mit Ernst Otto Karl Grassmé. Zeitzeugen erinnern sich an stets gut gelaunten Mann.

shz.de von
erstellt am 14.Aug.2015 | 14:00 Uhr

Brande-Hörnerkirchen/Horst | Der Artikel über Ernst Otto Karl Grassmé hat eine große Resonanz ausgelöst. Zahlreiche Leser von Elmshorner Nachrichten und Barmstedter Zeitung haben sich in den vergangenen Tagen in der Redaktion gemeldet, um von ihren Erlebnissen mit dem Einsiedler zu erzählen. Unter ihnen ist zum Beispiel Jürgen Baatz aus Elmshorn. Der 78-Jährige hat sich vor allem mit der Frage beschäftigt, wo Grassmé einst gelebt hat. „Der Narr vom Bokelsesser Moor“ lautet der Arbeitstitel des Films, an dem der Berliner Regisseur Kai Ehlers derzeit arbeitet. Baatz geht aber davon aus, dass das Grundstück von Grassmé eher zum Heisterender Moor gehörte. „Es gibt Leute, die kennen ihn noch, mit denen habe ich gesprochen“, sagt er.

Auch Margrit Emme aus Bordesholm kann sich noch an viele Details über den Einsiedler erinnern. „Ich war als Kind fast jedes Wochenende und in meinen Ferien bei meinen Großeltern sowie Onkel und Tante auf deren Bauernhof in Heisterende zu Besuch“, berichtet sie. Ihr Onkel sei auch eine Zeit lang Vormund von Grassmé gewesen. „Ich war dann sehr oft bei ihm im Moor zu Besuch, weil er ein ganz liebenswerter, netter ,spinnender‘ Mann war, mit dem ich mich sehr gern unterhalten habe“, erzählt sie. „Er zeigte mir seine Stein auf Stein gelegte Hütte, aus der er im Liegen einen Stein aus dem Mauerwerk nahm und dann durch dieses Loch sich ein Hühnerei angelte, aufschlug und auslutschte“, so Emme. Auch sein „Moorbad“, wie er es auf seinen Stempeln beschrieb, habe er ihr gezeigt.

„Schon bei der Anfahrt zu seinem Moorgrundstück habe ich ihn vom Fahrrad aus laut gerufen, weil er sonst wohl ängstlich war und sich gar nicht zeigte, aber wenn er mich hörte, kam er freudestrahlend, winkend und grölend auf mich zu, um mich herzlich zu begrüßen. Er erzählte mir immer wieder, dass er an die Queen in England geschrieben hätte, worüber ich immer schmunzelte“, so Emme. „Aber als dann auch Briefe für mich in Bordesholm ankamen, weil ich ihm auf Bitten meine Adresse aufgeschrieben hatte, war ich sehr verwundert, wie viele Stempel dieser Brief enthielt und was er angeblich alles war und hatte. Irgendwie spannend, diese Briefe zu lesen, die völlig irre und für einen klaren Menschenverstand übersinnlich geschrieben waren.“

Ihre Eltern hätten ihr den Kontakt mit Grassmé später zwar nicht verboten, aber dennoch keine weitere Kommunikation gewollt, „weil er plötzlich im Schuhgeschäft meiner Eltern in Bordesholm vor meinem Vater stand und auch dort eigentlich nur wirres Zeug erzählte.“ Ihre Eltern hätten vermeiden wollen, dass das erneut passiert“, sagt Emme. „Allerdings hätte ich mich über seinen Besuch gefreut, aber ich war zu dem Zeitpunkt in Kiel zur Schule.“

Auch Dieter Schümann aus Itzehoe, der früher in Dauenhof gewohnt hat, ist Grassmé häufig begegnet: „Wir waren als Kinder im Bokelsesser Moor an seiner Behausung, er hat uns immer vertrieben“, berichtet er. Grassmés Frau Berta sei regelmäßig mit landwirtschaftlichen Produkten wie Eiern mit dem Zug von Dauenhof nach Hamburg gefahren, um die Erzeugnisse dort zu verkaufen.

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„Ich war  sehr oft bei ihm im
Moor zu Besuch, weil er ein ganz
liebenswerter, netter Mann war.“

Margrit Emme
aus Bordesholm
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Außerhalb seines Moorterritoriums sei er sehr kommunikativ und immer gut gelaunt gewesen. Sogar Schulkindern soll er Nachhilfe gegeben haben. „Er hat uns Kindern in Dauenhof viele Briefe, auch an die englische Königin und andere hochgestellte Persönlichkeiten mit diversen gestempelten Titelabsendern von ihm gezeigt“, so Schümann. „Genie und Wahnsinn liegen bekanntlich dicht beieinander. Jedenfalls war er nicht dumm und hat sein selbst gewähltes Leben als Überlebenskünstler unter freiem Himmel, Wellplatten und Blechtafeln, Autowracks und Sträuchern gemeistert. Um mit Warwick Deeping zu sprechen: Er war ein ,Außenseiter der Gesellschaft‘. Wir Kinder haben ihn für bekloppt gehalten, aber es war immer wieder interessant, ihm zu begegnen.“

Auch Elisabeth Ottenstein aus Elmshorn kann sich gut an Grassmé erinnern: „Wir wohnten damals an der Ölfeldstraße in Westerhorn, kurz vor der Bahn. Herr Grassmé und seine Frau gingen immer an unserem Haus vorbei, wenn er zu seinem Wohnort wollte. Er wohnte in einem Waldgrundstück in Bokelseß, was ihm nach eigenen Angaben gehörte“, schreibt Ottenstein. Dahin habe er aber nur über eine Wiese gelangen können, die dem benachbarten Bauern gehörte. „Mit dem lag er aber im Clinch. Es kam wohl öfters zu Auseinandersetzungen mit dem Bauern.“

Auf seinem Grundstück habe Grassmé in einer Hütte und einem Wohnwagen gewohnt. „Er kam oft bei uns vorbei, saß bei uns im Esszimmer und trank Kaffee, erzählte von seinem Leben. Und er schrieb mir Briefe.“ In Westerhorn sei er sehr bekannt gewesen. „Er war immer lustig und auffällig, hatte meistens einen langen Mantel an, eine laute Stimme und erzählte immer viel.“
 

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