Warnung der Behörden : Kein unbeschwertes Eisvergnügen: Die Gewässer sind nicht offiziell freigegeben

Auf den ersten Blick sieht alles so verheißungsvoll aus: Die Seen in der Region, wie auf diesem Foto der Rantzauer See.
1 von 2

Auf den ersten Blick sieht alles so verheißungsvoll aus: Die Seen in der Region, wie auf diesem Foto der Rantzauer See.

Die Seen in der Region Barmstedt und Elmshorn sind scheinbar zugefroren. Doch an vielen Stellen ist das Eis zu dünn.

cut.jpg von
02. März 2018, 12:30 Uhr

Barmstedt | Der Winter zeigt sich derzeit von einer seiner schönsten Seiten: vor allem nachts zwar knackig kalt, aber dafür mit viel Sonne am Tag. Im Verlauf der Nacht zu Freitag sollten die Temperaturen zum vierten Mal in Folge unter minus zehn Grad fallen. Die ersten Schlittschuhläufer und sogar ein Kitesurfer zogen am Mittwoch bereits über den Bokeler See. Also kann das unbeschwerte Eisvergnügen im Norden des Kreises Pinneberg losgehen? Auf keinen Fall, sagen die zuständigen Behörden und Eigentümer. Denn die Freigabe zugefrorener Gewässer ist nicht nur eine Frage der Dicke der Eisdecke, sondern vor allem eine der Haftung.

Der Rantzauer See in Barmstedt sei in der Vergangenheit nie zum Betreten freigegeben worden und das sei auch jetzt nicht geplant. „Der See ist hundertprozentig nicht sicher“, sagt Stadtsprecher Wolfgang Heins und verweist unter anderem auf den Zulauf der Krückau, der auch gestern nach wie vor eisfrei war. Aber auch grundsätzlich sei eine Freigabe quasi ausgeschlossen, da das Risiko für die Stadt zu hoch sei. „Bei einer Freigabe wären wir für alles verantwortlich. Diese Verantwortung können wir nicht auf uns nehmen.“

Übung im eiskalten Wasser: Die DLRG Barmstedt trainierte vor wenigen Tagen eine Eisrettung im Rantzauer See.
DLRG Barmstedt
Übung im eiskalten Wasser: Die DLRG Barmstedt trainierte vor wenigen Tagen eine Eisrettung im Rantzauer See.
 

Wer stattdessen überlegt, nach Elmshorn auszuweichen, hat auch dort kein Glück. Die Verwaltung der Stadt weist darauf hin, dass sämtliche Eisflächen auf städtischen Gewässern nicht offiziell freigegeben werden. Das Betreten der Flächen erfolge ausschließlich auf eigene Gefahr, jegliche Haftung wird ausdrücklich ausgeschlossen.

Ähnlich sieht die Sache auf dem See hinter der Gaststätte Sibirien aus. Hier haben begeisterte Schlittschuhläufer größere Eisflächen vom Schnee befreit. Holger Scheuffgen ist mit seiner Mutter Rosemarie auf Schlittschuhen unterwegs, während sein vierjähriger Sohn Malo die beiden begeistert mit Schneebällen bewirft. Malo sähe hier zum ersten Mal einen eingefrorenen See, erzählt Scheuffgen. „Wir kommen zwar aus Kölln-Reisiek, leben aber jetzt in Frankreich. Dort frieren die Seen nie zu, deshalb nutze ich den Besuch in der alten Heimat, um meinem Sohn ein Stück meiner Kindheit zu zeigen.“  Angst vor dem Einbrechen hat er nicht. „Aber wir meiden die Stellen unter den Bäumen, da ist das Eis dünn.“

Keine Haftung für Unfälle

Ganz ungefährlich ist das Betreten des Eises also auch hier nicht. Der See gehört der Familie Thormählen, die auch die Gaststätte Sibirien betreibt. Die Haftung für Unfälle übernimmt diese nicht. „Als das Eis noch zu dünn war, haben wir allerdings mit Schildern vor dem Betreten gewarnt“, erklärt Mitarbeiter Michael Hader. „Wie dick das Eis ist, kann man an der Schleuse ganz gut sehen.“

In Bokel befindet sich der See im Privatbesitz der Familie Erich, die das angrenzende Ringhotel Bokel-Mühle betreibt. Aber auch hier warnen die Besitzer: Wer den Mühlenteich betritt, müsse höllisch aufpassen – auch, wenn das Gewässer wesentlich flacher als der Rantzauer See in Barmstedt ist. Aufgrund des starken Windes der vergangenen Tage seien einige Flächen noch nicht zugefroren. An anderen Stellen sei das Eis dünn und brüchig. Vor fünf Jahren war das Bokeler Strandbad abgerissen worden. Weil der Verkauf des Sees angedacht war, kündigte die Verwaltung den Pachtvertrag für das Strandbad. Familie Erich, die Gemeinde Bokel und das Amt Hörnerkirchen waren daraufhin monatelang in Verhandlungen, wie es mit dem See und dem Strandbad weitergehen könnte. Einen gemeinsamen Nenner fanden die Parteien nicht. Hotel-Chef Rainer Erich ließ als Konsequenz Schilder aufstellen. Darauf steht: „Privatgrundstück – Betreten auf eigene Gefahr!“

Die Retter  hatten sich dazu spezielle Überlebensanzüge angezogen. Ohne droht eine rasche Unterkühlung, die schnell lebensgefährlich werden kann.
DLRG Barmstedt

Die Retter hatten sich dazu spezielle Überlebensanzüge angezogen. Ohne droht eine rasche Unterkühlung, die schnell lebensgefährlich werden kann.

 

Auch die DLRG Barmstedt warnt davor, die Gewässer zu betreten. Die Eisdecken seien unterschiedlich dick, berichtet der technische Leiter Torsten Schnoor, der sich beim Verein in Barmstedt unter anderem um das Rettungsschwimmen und die Erste-Hilfe-Ausbildung kümmert. Gerade dort, wo die Krückau in den Rantzauer See fließe, friere das Gewässer nur schwer zu. Der Bokeler See habe den Vorteil, dass er etwas flacher sei, wohingegen der Rantzauer See in der Mitte so tief sei, dass man dort nicht mehr stehen könne. Auf die Frage, wie lange es dauere, bis ein Gewässer zugefroren sei, gebe es keine pauschale Antwort, so Schnoor weiter. „Das ist ganz schwer, das grundsätzlich zu sagen.“ Sonne und Wind seien wichtige Faktoren, genauso wie die Temperatur auf der Eisdecke.

Wie gefährlich es ist, die Eisdecken zu betreten, zeigt ein Todesfall aus dem Landkreis Harburg. In Winsen an der Luhe war ein 38-Jähriger laut Polizei vorgestern offenbar in der Luhe erfroren. Er soll in der Nacht den zugefrorenen Schlossteich überquert und anschließend den Luhearm betreten haben. Dort brach er ins Eis ein und schaffte es zwar noch, seine durchnässte Winterjacke auszuziehen, konnte aber nicht die rettende Böschung hinaufklettern. Dass es sehr schwierig ist, aus einem Loch im Eis wieder hinauszukommen, betont auch Schnoor. Während einer Eisrettung im Rantzauer See hatte die DLRG vor wenigen Tagen den Ernstfall geprobt – allerdings hatten die Retter Vorsichtsmaßnahmen getroffen. „Alle waren abgesichert und trugen Überlebensanzüge“, berichtet Schnoor. Der Anzug bestehe aus einer speziellen Gummiart und sei wasserdicht. Schon unter diesen „idealen Bedingungen“ sei es für die Schwimmer schwierig gewesen, sich aus dem Eisloch zu befreien. „Das Wasser schwappt auf das Eis und alles wird sehr glitschig. Man hat keinen Halt.“

Ohne spezielle Anzüge bleibe nicht viel Zeit für eine Rettung: „Man ist eigentlich sehr schnell unterkühlt“, so Schnoor. Das hänge aber auch von der individuellen Konstitution eines Menschen ab. Durch die Unterkühlung bestehe schnell Lebensgefahr. „Man hat keine Kraft mehr, die Atmung verlangsamt sich und der Kreislauf bricht zusammen.“ Im Notfall sollten Passanten Eingebrochenen umgehend helfen, die richtige Notrufnummer ist die 112. Zudem hat die DLRG sogenannte Eisregeln aufgelistet, die zur Orientierung dienen.

Die DLRG hat zwölf Eisregeln aufgestellt. Eine davon lautet: Betritt einen See erst, wenn das Eis 15 Zentimeter dick ist. Ein fließendes Gewässer erst, wenn das Eis 20 Zentimeter dick ist. Zudem sollte niemand allein auf das Eis gehen. Darüber hinaus sei es wichtig, auf Warnungen im Radio und in der Zeitung zu achten. Sollte das Eis knistern und knacken, ist es ratsam die Fläche sofort zu verlassen – notfalls flach auf dem Bauch liegend.

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen