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Reaktion auf Vorwürfe : Kälber-Tötungen: „Das macht keiner“

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Viehhändler aus Hemdingen und der Kreisbauernverband widersprechen der Stellungnahme der Bundestierärztekammer.

shz.de von
erstellt am 01.Jun.2016 | 12:15 Uhr

Hemdingen | Sind männliche Kälber in Schleswig-Holstein für Landwirte nur ein Abfallprodukt? Angeblich würden sich Hinweise häufen, dass im Einzelfall die männlichen Kälber milchbetonter Rassen gezielt vernachlässigt oder sogar absichtlich getötet werden, hieß es in einer „Stellungnahme zur Versorgung von Bullenkälbern der Milchviehrassen“ der Bundestierärztekammer. shz.de hatte vor einigen Tagen darüber berichtet. „Ich gehe fest davon aus, dass es solche Tötungen auch im Norden gibt“, hatte Tierarzt Horst Gehendges, Vorstandsmitglied des Landesverbands, hinzugefügt. Bei vielen Landwirten im Kreis Pinneberg seien die Aussagen auf Unverständnis gestoßen, sagt Klaus-Peter Mohr.

Der Hemdinger ist Viehhändler in vierter Generation, sein Betrieb ist mehr als hundert Jahre alt. „Ich kann die Vorwürfe nur zurückweisen. Das macht keiner.“ So sieht es auch der Kreisbauernverband Pinneberg: „Wir sprechen uns dagegen aus, dass das verallgemeinert wird“, sagt Geschäftsführer Peer Jensen-Nissen. „Das ist nicht an der Tagesordnung.“

Mohr hat zahlreiche Kunden in den Kreisen Pinneberg, Steinburg und Segeberg und ist fast täglich auf den Höfen in der Region unterwegs. Er sammelt die Bullenkälber auf den Betrieben ein und fährt sie zu seiner Hemdinger Sammelstelle, wo sie von ihm versorgt werden. Er hat Einblick in die Betriebe – genauso wie die Veterinärämter. „Der Landwirt wird heutzutage systematisch durchleuchtet. Mit dem Hammer ein Kalb zu erschlagen – das geht nicht“, sagt er. „Das würde sofort auffallen, wäre ein schwerwiegender Verstoß und würde umgehend die Behörden alarmieren. Sollten Betriebe auffällig werden, kommt das Veterinäramt – und nicht nur dieses Amt.“

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„Ich kann die Vorwürfe nur
zurückweisen. Das macht keiner.“

Klaus-Peter Mohr
Viehhändler
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Auch aus wirtschaftlicher Sicht sei das Töten von Kälbern unsinnig. „Bullenkälber, die etwa 14 Tage alt sind, haben einen Wert von über 100 Euro. Die Kosten für diese 14 Tage belaufen sich aber nur auf 15 Euro. Das macht keinen Sinn.“ Viele Landwirte hätten aufgrund der Vorwürfe nur den Kopf geschüttelt, so Mohr. „Die sind bitter enttäuscht. Gerade vor dem Hintergrund sinkender Milchpreise sind solche Behauptungen sehr frustrierend für sie.“

Jensen-Nissen betont ebenfalls, dass die Landwirte ein starkes Augenmerk darauf legen würden, dass die Kälber „tip top in Ordnung sind“. Die Kälberpflege sei ein ganz spezieller Punkt und die Landwirte würden viel Zeit darin investieren. Schwarze Schafe seien zwar nie ganz auszuschließen. Tötungen würden vom Bauernverband aber in keinster Weise akzeptiert werden. Es zahle sich aus, die Kälber gut zu pflegen.

Auch Bernd Voß, agrarpolitischer Sprecher der Grünen-Landtagsfraktion, war in dem Artikel zu Wort gekommen. Die Bullenkälber-Problematik sei das Ergebnis einseitiger Züchtung, hatte er beklagt. „Wenn der Wert der Kälber gegen Null geht, dann kommen wir am Ende zum gleichen Problem, wie bei den geschredderten männlichen Küken.“ Mohrs Meinung nach hinke der Vergleich: „Die extreme Milchzucht macht keinen Sinn. Die Zuchtziele sind schon vor vielen Jahren neu definiert worden.“ Die hochgezüchteten Milchrassen seien daher noch da, weil der Prozess länger dauere. Mittlerweile sei aber die Lebensleistung (Milch und Fleisch) der Tiere entscheidender – nicht die Jahresleistung. Das Ergebnis: die Tiere seien gesünder und würden länger leben. Tierschutz und artgerechte Haltung stünden bei ihm an erster Stelle, so Mohr. „Jede Art von Tierschutz schützt Werte.“ Der Ankauf der Kälber nach Gewicht beim Bauern war früher Tradition und sei ihm wichtig, so der Hemdinger weiter. „Meine Kunden schätzen das.“

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„Wir sprechen uns dagegen aus,
 dass das verallgemeinert wird.“

Peer Jensen-Nissen
Kreisbauernverband
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Aus diesem Grund tränkt der Hemdinger die Kälber auch in der Sammelstelle. „Das ist keine Vorschrift. Das mache ich freiwillig“, betont Mohr. Denn Tierschutz rechne sich. Gesunde Kälber, die gut Milch getrunken haben und gut behandelt worden sind, würden gut honoriert werden. Außerdem würden die Tiere sehr schnell zunehmen: „So bekommt man auch mehr Geld.“ Die Tiere seien 14 Tage bis sieben Wochen alt, wenn er sie auflade. Sie würden zur Mast nach Nordrhein-Westfalen, Polen sowie in die Niederlande gehen oder in Schleswig-Holstein bleiben.

Voß hatte zudem vor der Kehrseite der extremen Züchtung der Schwarzbunten auf immer höhere Milchleistungen gewarnt: „Die Kälber setzen im Vergleich zu den auf die Mast ausgerichteten Rassen immer weniger an.“ Fatal sei das für die männlichen Nachkommen, keine Milch und wenig Fleisch – „dementsprechend niedrig sind die Marktpreise, die gezahlt werden“, so Voß. Auch die dazu passende Statistik der Landwirtschaftskammer kritisiert Mohr. So erzielte laut Datenbank ein schwarzbuntes Kalb 2005 einen durchschnittlichen Preis von 128,60 Euro, ein Mastkalb 158,90 Euro. 2015 lag der Preis für ein schwarzbuntes Kalb mit 86,68 Euro nur noch bei weniger als der Hälfte des Preises für ein Mastkalb von 178,22 Euro. „Die Preise kann man nicht vergleichen. Damals hat es noch Schlachtprämien gegeben, die haben die Preise künstlich hochgehalten“, gibt der Hemdinger zu bedenken.

Auch die für heute angegeben Preise könne er nicht bestätigen: Sie würden eher bei 200 Euro bei einer Mastrasse und zwischen 110 und 140 Euro bei einem schwarzbunten Bullenkalb liegen. „Im Herbst wird der Preis wahrscheinlich auf 80 Euro sinken, weil viele Kälber vorhanden sind“, so Mohr. Bei den Landwirten sei zudem der Trend zu erkennen, dass sie wieder selbst Bullen mästen würden. Vor diesem Hintergrund würden auch wieder Fleischrinderrassen mit eingekreuzt werden.

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