Neue Serie „Dorfgespräche” : In Kölln-Reisiek funktioniert die Nachbarschaft

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Gemeindevertreterin Tina Giersch arbeitet im Bäckerladen, sie kennt fast alle Einwohner des Dorfes persönlich.
Gemeindevertreterin Tina Giersch arbeitet im Bäckerladen, sie kennt fast alle Einwohner des Dorfes persönlich.

Für unsere neue Serie „Dorfgespräche“ erkundet unser Autor 60 Minuten lang einen Ort. Heute ist er in Kölln-Reisiek unterwegs.

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08. Juli 2019, 17:00 Uhr

Kölln-Reisiek | Schneller, schneller, immer weiter – viel zu oft geht es im Galopp durch das Leben und wir huschen von Termin zu Termin. Unser Autor Jann Roolfs macht da nicht mehr mit. Er nimmt sich eine Auszeit – 60 Minuten lang. So lange verweilt er für unsere Serie „Dorfgespräche“ in einem Ort in der Region, trifft interessante Menschen und lässt sich treiben. Unsere neue Serie startet heute mit Teil eins in Kölln-Reisiek.

Montagnachmittag, 15.45 Uhr an der Mehrzweckhalle in Kölln-Reisiek. Ein Plakat im Fenster wirbt für den Dorfflohmarkt im August. Zu Fuß geht es um zwei Ecken zum Gemeindezentrum, das zu gut einem Drittel aus der Halle für die Feuerwehrautos besteht. Zwei Jungs im Grundschulalter hocken im Schatten auf dem Pflaster vor der Ausfahrt, ein Mädchen steht hinter ihnen, die drei beugen sich über ein Smartphone.

Hinter dem Gemeindezentrum ist ein großer Rasenplatz gemäht, am hinteren Rand, in der Ecke von Wäldchen und Regenrückhaltebecken, ragt das Gemeindewappen auf einem Pfahl in die Höhe. Sowohl Pfahl als auch Wappen sehen etwas angegriffen aus, vielleicht sind sie darum hier versteckt.

Ein Fußweg führt zurück zur Mehrzweckhalle, daneben liegt die „Gemeindebücherei. „Sprechstunden donnerstags“, verkündet das Schild an der weißen Wand.

Auf dem Heimweg

Den Lauenberg geht es runter in Richtung Köllner Chaussee, der Durchgangsstraße von Elmshorn über die Autobahn. Frank Siebert genießt beim Radfahren sein Eis. Er ist auf dem Heimweg, sein Arbeitstag hat um sechs Uhr morgens angefangen. Siebert ist Berufskraftfahrer, er liefert Baustoffe an Baustellen, pro Monat kommt er auf 230 Arbeitsstunden.

Das wisse zwar kaum jemand, aber in seinem Job sei das normal. Heute Abend will er zur öffentlichen Feuerwehrübung im Dorf, danach muss er noch zu einer Sitzung seines Vereins: Siebert ist Sicherheitsbeauftragter bei der Elmshorner DLRG.

Frank Siebert gönnt sich auf dem Heimweg ein Eis auf dem Fahrrad.
Jann Roolfs
Frank Siebert gönnt sich auf dem Heimweg ein Eis auf dem Fahrrad.
 

„Es ist schön in Kölln-Reisiek, ruhig.“ Siebert wohnt seit 20 Jahren im Dorf, aufgewachsen ist er in Elmshorn. Wenn er Freizeit hat, fährt er Fahrrad, sitzt im Garten, spielt mit seinem Kind oder läuft mit seinem Hund. Zu ruhig? „Es kann noch ruhiger sein.“

Eine Frau geht durch ihren Vorgarten, der von großen Laubbäumen beschattet ist. Ihr Haus ist von 1900, gegenüber wird ein Neubau errichtet: „Drehen Sie sich doch mal um, hat das Charme?“, schimpft sie. Der Lauenberg ist eine der „Ur-Straßen“ Kölln-Reisieks, erklärt sie. Einige der alten Häuser würden aufwändig saniert: „Das gelbe war richtig runtergerockt“, die Frau zeigt die Straße runter. Ihr gegenüber wohnten alte Leute, die hätten sich um ihr Haus schließlich kaum noch gekümmert: „Dann ist es oft einfacher, es wegzureißen.“

Die Frau charakterisiert sich selbst:

Ich war hier die grüne Öko-Tante. Einwohnerin von Kölln-Reisiek
 

Sie habe als erste keine Gardinen vor den Fenstern gehabt und die Waschbetonplatten gegen Granitsteine ausgetauscht. „Heute hat hier kaum einer Gardinen vor den Fenstern“, triumphiert sie.

„Sehr angenehm“ findet sie ihre funktionierende Nachbarschaft. Vor vielen Jahren gab es in der Gegend eine Einbruchserie, auch bei ihr sei Geld gestohlen worden. Irgendwann fiel den Bewohnern auf, dass in der Straße häufig Autos mit Segeberger Kennzeichen standen, in denen Männer saßen. Eine Mitteilung an die Polizei brachte die auf die richtige Spur.

„Bis heute Abend dann?“, verabschiedet Tina Giersch ihren Kunden. Aber Jens kann nicht zur Feuerwehrübung kommen, er muss sich um seine Mutter kümmern: „Ist sie wieder im Krankenhaus? Och, Schiete!“ Giersch schwatzt noch ein paar Sätze mit dem Mann, der gerade bei ihr Brot gekauft hat. Giersch duzt in ihrem kleinen Bäckerladen an der Köllner Chaussee „total viele, und das macht es doch aus in so einem Dorf!“

3176 Einwohner hat das Dorf

Tina Giersch ist zwar in Elmshorn geboren, aber inzwischen ist sie überzeugte Kölln-Reisiekerin: „Weil das hier so schön ist!“ Sie sitzt für die CDU im Gemeinderat, ihre beiden Kinder machen bei der Jugendfeuerwehr mit. „Das ist der Dorfcharakter: Jeder kennt jeden“, schwärmt sie. Wie viele Einwohner hat das Dorf? Die Antwort kommt prompt und präzise: „3 176“. Gut, wirklich jeden Einzelnen kennt man da nicht mehr, aber wenigstens den „harten Kern“. Giersch erzählt: „Wir hatten gerade Dorffest, dort trifft man sie fast alle.“

Zum Abschied erklärt sie noch den Rückweg zur Mehrzweckhalle: Die Birkenallee entlang durch die Sackgasse. In der Birkenallee stehen Mehrfamilienhäuser; links die großen, schlichten Klötze, rechts die kleineren Blocks mit Balkonen. Ein Mann demontiert auf dem Bürgersteig mit seinem Akkuschrauber Möbel, um sie in seinen Kofferraum zu laden. Wo die Autos nicht durchkommen, führt ein Fuß-und Radweg weiter.

An der Grenze steht ein wuchtiges Einfamilienhaus, mit seinen zwei Säulen vor der Tür wirkt es wie ein Wächter der gepflegten Einfamilienhäuser gegen die Mietwohnungen. Verkehrsberuhigt geht es bis zur nächsten Straße, dort stehen dann wieder ältere neben neueren Häusern, schick hergerichtete neben mehr oder weniger charmant heruntergekommenen. Auf einer Haustür steckt der Schlüssel von außen. Am Ende der Straße liegt wieder die Bücherei, Nachbarin der Mehrzweckhalle.

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