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Asylsuchende in Langeln : „Ich fühle mich einsam“

vom
Aus der Redaktion der Barmstedter Zeitung

Zwei Bewohner der Unterkunft für Asylsuchende in Langeln erzählen ihre Geschichte – und was sie sich vom Leben erhoffen

shz.de von
erstellt am 24.Dez.2013 | 06:00 Uhr

Ununterbrochen braust der Verkehr an der Unterkunft für Asylsuchende und Obdachlose in Langeln vorbei. Der Komplex, bestehend aus einem alten und neuen Gebäude, wirkt eher trist und trostlos. In einer Ecke ein kleiner Laubberg. In der Unterkunft lebt Lars-Günther Böttcher (53). Er wohnt in einem Einzelzimmer im neuen Gebäude, während Bubakar Maigah aus dem Niger, Jahrgang 1963, im alten Teil untergekommen ist. Die Lebenswege beider Männer sind völlig verschieden. Was sie verbindet, ist die Unterkunft, in der sie leben – und dass das Glück in der Vergangenheit nicht unbedingt auf ihrer Seite war.

Beide haben konkrete Wünsche hinsichtlich ihrer Zukunft. „Ich wünsche mir einen Vollzeitjob und eine eigene Wohnung, um wieder ein selbstbestimmtes Leben zu führen“, sagt Böttcher, der langzeitarbeitslos ist und vor etwa einem halben Jahr sein Heim in Ellerhoop verlor. Die Wohnung wurde zwangsgeräumt.

Der 63 Jahre alte Maigah, der seit 21 Jahren ohne Papiere als Geduldeter – so sein Aufenthaltsstatus – in Deutschland lebt, sehnt sich zurück in seine Heimat, in der er Eltern und Geschwister zurückließ. Er gehört zum Volk der Hausa und ist 1992 aus dem Niger geflohen, weil dort der Bürgerkrieg herrschte: Damals erhob sich das Volk der Tuareg gegen die Regierung. „Ich bin ein Kriegsflüchtling“, betont der Afrikaner, der bis zum Ausbruch der Unruhen in einer Schule Englisch, Mathematik, Geschichte und Geographie unterrichtet hat.

Lars-Günther Böttcher, der noch an der Zwangsräumung „knabbert“, die sein Leben in eine völlig andere Bahn geworfen hat, meint, dass das Zusammenleben der Menschen aus so unterschiedlichen Ländern wie Syrien, Afghanistan und Niger in Langeln verhältnismäßig gut funktioniert. „Im Grunde genommen lebt aber jeder für sich. Gemeinschaftliche Aktivitäten gibt es nicht“, so der 53-Jährige.

Das bestätigt auch Maigah, der erklärt, dass er äußerst vorsichtig im Umgang mit den Mitbewohnern sei: Er habe in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen gemacht und daraus seine Konsequenzen gezogen. Gemeinsam gekocht wird nicht: Jeder sorge für sich selbst. Das sei auch gut so, da die Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen kämen und unterschiedliche Essensgewohnheiten pflegen würden. Und es werde auch nicht gemeinschaftlich aufgeräumt und geputzt: Jeder müsse den Raum, den er benutzt habe, in einem ordentlichen Zustand verlassen.

Ein weiteres Problem für die Bewohner der Notunterkunft ist deren Abgeschiedenheit und schlechte Verkehrsanbindung. Kontakte, wie sie in einer Stadt oder einem Dorf entstehen, wachsen dort nicht. Wer einkaufen möchte, läuft oder radelt nach Langeln, um von dort aus mit der AKN nach Barmstedt zu fahren.

Was Mobilität betrifft, befindet sich Böttcher in einer privilegierten Situation: Er kann sich schon einmal hinter das Lenkrad seines Autos setzen und zu Bekannten fahren. In erster Linie benutzt er es aber dazu, um nach Elmshorn zur Arbeit zu fahren, wo er einen Minijob hat – eine Art Hausmeistertätigkeit. „Alles in allem reicht das Geld zum Überleben, aber von einem menschenwürdigen Leben und gesellschaftlicher Teilhabe kann keine Rede sein“, erklärt er. Sämtliche Verdienstabrechnungen und Kontoauszüge muss er der Arbeitsagentur vorlegen. Er würde drei Kreuze schlagen, wenn er diese Situation endlich beenden könnte.

Bubakar Maigah lebt verhältnismäßig isoliert. Er unterhält nur Kontakt zu einer Familie in der Region und fährt hin und wieder nach Hamburg, um dort mit Landsleuten zu sprechen. „Zu Beginn meines Aufenthalts habe ich in verschiedenen Baumschulen im Kreis Pinneberg gearbeitet. Das hat mir gefallen, weil ich unter Menschen war“, sagt der Mann mit dem grau melierten Kraushaar. Damit war es nach der Ablehnung des Asylantrags vorbei. Jetzt bleibt ihm nichts, als vielleicht ein paar Worte mit seinen Nachbarn zu sprechen, zu lesen und Spaziergänge zu unternehmen, wenn es das Wetter zulässt – aber immer allein. „Ich fühle mich einsam“, berichtet der Nigrer zu.

Eine gemeinsame Weihnachtsfeier wird in der Asylanten-Unterkunft nicht veranstaltet: Viele der Bewohner sind keine Christen, sondern Muslime und haben keine Beziehung zu dem Fest. Lars-Günther Böttcher verbringt die Feiertage bei Verwandten in Berlin – eine willkommene Abwechslung in seinem Alltag. Bubakar Maigah, ein Muslim, feiert gar nicht: Für ihn verläuft der heutige Tag wie jeder andere.
 

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