„Ich erwarte neue Inspiration“

Noch arbeitet Raphael Steenbuck (42) in Barmstedt – ab August 2019 nimmt er sich eine einjährige Auszeit.
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Noch arbeitet Raphael Steenbuck (42) in Barmstedt – ab August 2019 nimmt er sich eine einjährige Auszeit.

Pastor Raphael Steenbuck nimmt sich ein Sabbat-Jahr, um Kraft zu schöpfen / Seelsorgerische Tätigkeit raubt Energie

shz.de von
21. Juni 2018, 16:06 Uhr

Am 1. August 2019 wird für den Barmstedter Pastor Raphael Steenbuck ein neuer Lebensabschnitt beginnen: Der 42-Jährige wird sich zusammen mit seiner Freundin eine einjährige Auszeit (Sabbatical) nehmen. 75 Prozent Gehalt bei 100 Prozent Arbeit über drei Jahre machen es möglich. „Wir fahren weg“, sagt Steenbuck. Mehr will er nicht verraten. Vorbild für dieses Vorgehen seien seine Eltern, die nach 14 Jahren als Pastor in Ellerbek für sechs Jahre nach Chile gegangen waren. „Sie sind gegangen als Karl Wilhelm und Selma, wiedergekommen sind Carlos und Sissi. Sie hatten sich völlig verändert. Auch ich erwarte durch die Horizonterweiterung neue Blickweisen, neue Ideen und neue Inspiration für meine Arbeit.“

Als er 2005 nach Barmstedt kam, habe er sich vorgenommen, 15 Jahre zu bleiben und dann zu wechseln, erzählt Steenbuck. „Aber dann habe ich mich verliebt. In Barmstedt und seine Menschen, die vielen Möglichkeiten in dieser Gemeinde, die vielen engagierten Mitarbeiter, die tollen Kollegen und nicht zuletzt die schönste Kirche weltweit“, schwärmt er. Trotzdem weiß er um den notwendigen, manchmal auch kritischen Abstand, den er für seine Arbeit braucht. So sieht er es nach den vielen Jahren des Bauens und Renovierens an Gebäuden als dringend geboten an, die Arbeit an der Spiritualität aufzunehmen. Er selbst sieht sich in der Rolle als Jugendpastor und Haupttätiger bei Taufen festgelegt.

Bei aller Liebe zu seiner Kirche nennt Steenbuck aber doch einiges, was ihm nicht gefällt. „Es gibt immer noch kein Angebot für die mittlere Generation, keine Glau-benskurse. Es fehlt die Kerngemeinde mit Interesse an Inhalten, da sehe ich ganz viel Potenzial. Ich erhoffe mir in dem Jahr Abwesenheit neue Inspiration und einen neuen Blick für Möglichkeiten. So soll das Jahr auch der Gemeinde dienen“, resümiert Steenbuck, der während seiner Abwesenheit durch einen Vertreter ersetzt wird. Den Konfirmandenjahrgang 2018 wird er 2019 noch konfirmieren. Auf die Frage, ob er wiederkommen werde, sagt Steenbuck ehrlich: „Keine Ahnung, ich weiß nicht, was passiert. Es zieht mich schon zurück nach Barmstedt – aber wer weiß.“

Steenbucks Zeit als Pastor in Barmstedt begann am 1. Dezember 2005. Dorthin wurde er nach seinem Vikariat in Neumünster versetzt – als Nachfolger von Pastor Ulrich Ludovici. Er stieg sofort in die laufende Konfirmandenarbeit ein. „Im Jugendbereich lag von Anfang an der Schwerpunkt meiner Arbeit“, so Steenbuck. „In den letzten Jahren waren es drei Gruppen mit insgesamt 120 Jugendlichen.“ Hinzu kam die Arbeit mit der kirchlichen Jugendgruppe „The Young Revolution“, die ihm sehr am Herzen liegt. „Die Kirche wird meist als Kultur für Ältere wahrgenommen. Jugendliche reden, denken und fühlen aber ganz anders. Sie suchen Sinn, und es gibt so viele bescheuerte Sinn-Angebote, was es den Kids so schwer macht, das Richtige zu finden. Und dabei will ich sie nicht allein lassen. Ich will ihnen den Glauben auf ihre Art und Weise nahe bringen.“

Das schönste Erlebnis bisher sei für ihn das zehnjährige Bestehen von „The Young Revolution“ gewesen, bei dem auch viele Ehemalige sich eingebracht haben. „Über 150 Kinder waren in den letzten zehn Jahren dabei“, so Steenbuck. „Zu sehen, dass immer noch welche kommen und sich verbunden fühlen, ist genial. Und man-che Karriere von Musikern hat hier begonnen“ freut sich der Pastor über sein „Kind“.

Als einen Tiefpunkt seiner bisherigen Laufbahn nennt er das halbe Jahr als Kir-chenvorstandsvorsitzender als Nachfolger von Pastor Andreas Pawlas, für das sich kein anderer zur Verfügung stellen wollte. Er habe wieder einmal nicht Nein sagen können, so Steenbuck. „11 000 Mitglieder und 45 Mitarbeiter, dann die großen Summen, die bewegt werden müssen – das hat mich um den Schlaf gebracht. Ich bin nicht der Typ für diese Aufgaben.“

Aber auch sein eigentlicher Alltag als Pastor fordere seine ganze Energie. Die ständigen Begegnungen mit Menschen, die alle ihre Fragen, Probleme und Gefühle mitbringen, lassen ihn seine Arbeit als sehr intensiv erleben. Mit Abstand könne er sie nicht erledigen. Wohl auch deshalb landen die meisten Taufanfragen auf seinem Schreibtisch. Am meisten belasten ihn die Notfallseelsorgegespräche, sagt Steenbuck. „Es gibt keinen Pastor im Kirchenkreis, der so viele derartige Gespräche führen muss. In den letzten Jahren sind sieben Elternteile von Konfirmanden gestorben, was diese Art der Seelsorge notwendig machte.“ Er selbst verarbeite das nur schwer, habe aber in seinem Vater und seiner Freundin gute Gegenüber.

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