Geschichte : Heimatforscher: Barmstedter Handwerker wurde zum Bau des Blutgerüsts gezwungen

Struensee starb auf einem Schafott, das von dem Barmstedter Zimmermann Junge gebaut wurde.
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Struensee starb auf einem Schafott, das von dem Barmstedter Zimmermann Junge gebaut wurde.

Kopenhagen im Jahr 1772: Johann Peter Boje Junge aus Barmstedt zimmert das Schafott für den deutschen Arzt Struensee.

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20. Februar 2018, 12:30 Uhr

Barmstedt | Während der jüngsten Sitzung des Hauptausschusses der Stadt Barmstedt wurde einmal mehr deutlich: Die Beschäftigung mit der Vergangenheit bringt oft Überraschendes und im gewissen Sinne auch Neues zutage. Der Heimatforscher und Buchautor Helmut Trede, der vor gut zehn Jahren daran ging, im Amtshaus von Hörnerkirchen das Archiv für die Stadt Barmstedt und des Amts Hörnerkirchen einzurichten und es seither betreut, stößt bei seiner Archivarbeit immer wieder auf überaus interessante Begebenheiten aus der regionalen Geschichte und darüber hinaus.

Manches, was in den alten Unterlagen an Informationen vor sich hinschlummert, hat mitunter sogar einen Bezug zu weltgeschichtlichen Geschehnissen – natürlich eng verknüpft mit den Menschen aus der Region. Das trifft beispielsweise auf den 1735 geborenen Johann Peter Boje Junge aus Barmstedt zu. „Boje, siebtes Kind eines Musikanten, war gelernter Zimmermann und später Baumeister sowie Chef der Kopenhagener Feuerwehr“, erklärt Trede. Das Besondere im Leben dieses aus der Schusterstadt stammenden Zimmermanns ist, das sein Wirken mit dem Schicksal einer historischen Person eng verknüpft war - und zwar auf eine recht makabere Art und Weise.

Leibarzt und Liebhaber

„Boje erhielt im Jahr 1772 den zwangsweisen Auftrag, das Schafott für den deutschen Arzt Johann Friedrich Struensee zu bauen, der in Dänemark zum Tode verurteilt wurde. Niemand sonst wollte das freiwillig übernehmen“, so Trede. Ein Blick in jene Epoche verdeutlicht auch warum: Struensee, der aus Halle stammte und in Altona als Armenarzt aktiv war, wurde an den Hof des geisteskranken Königs Christian VII. gerufen, um diesen medizinisch zu betreuen. Er wurde dessen Leibarzt, fand darüber Zugang zur Politik und gewann großen Einfluss. Unter anderem setzte er als überzeugter Anhänger der Aufklärung viele Reformen durch – unter anderem die Pressefreiheit.

Allerdings machte er sich mit seiner konsequenten Personalpolitik bei mehreren einflussreichen Personen sehr unbeliebt, und sein Liebesverhältnis zu der Königin Caroline Mathilde wurde zu einem öffentlichen Skandal. Seine politischen Gegner nutzen die Angriffsflächen, die Struensee bot und bewirkten letztendlich seinen Sturz. Er wurde angeklagt, verurteilt und am 28. April 1772 öffentlich vor mehr als 30.000 Zuschauern enthauptet, gevierteilt und aufs Rad geflochten.

Das Schicksal Struensees wurde vielfach vom Kino aufgegriffen - unter anderem in dem deutsch Filmklassiker „Herrscher ohne Krone“ (1956) mit O. W. Fischer und dem deutsch-dänischen Streifen „Die Königin und der Leibarzt“ (2012) mit Mads Mikkelsen.

Neues und Unbekanntes

„Dieses Beispiel verdeutlicht, warum das Archivwesen nicht nur als staubtrockene Materie zu verstehen ist“, betont Trede, dem es nach wie vor viel Spaß macht, in diesem Bereich zu arbeiten und Neues und Unbekanntes herauszufinden. „Die unwiderlegbare Sprache, die Macht des Dokuments sind immer wieder beeindruckend und rücken so manche mündliche Überlieferung ins rechte Licht“, so Trede, der mittlerweile über 134 Kartons mit angesammelten Unterlagen, zu denen 644 Verzeichnungseinheiten gehören, verfügt.

Im Archiv neu hinzugekommen sind innerhalb der vergangenen zwei Jahre unter anderem Plakate zum Postwesen aus den Jahren 1815 bis 1843, das Goldene Buch der Stadt Barmstedt und Verlustlisten „Deutsches Kaiserreich im I. Weltkrieg“ mit rund 140.000 Personenangaben.

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