Barmstedt und die Region : Grundschulen wollen mehr Fachkräfte

Problematisch für die Schulen im Barmstedter Umland ist unter anderem die Nähe zu Hamburg. Die Hansestadt bietet bessere Arbeitsbedingungen. „Dafür bringen sich externe Kräfte intensiver an kleinen Schulen ein“, sagt Sabine Bertels, Leiterin der Grundschule Hörnerkirchen.
Problematisch für die Schulen im Barmstedter Umland ist unter anderem die Nähe zu Hamburg. Die Hansestadt bietet bessere Arbeitsbedingungen. „Dafür bringen sich externe Kräfte intensiver an kleinen Schulen ein“, sagt Sabine Bertels, Leiterin der Grundschule Hörnerkirchen.

Diskussion um aktuelle Schulpolitik: Schulleiter aus Barmstedt und den umliegenden Dörfern erzählen, warum es so schwer ist, geeignetes Personal zu finden

shz.de von
11. Februar 2018, 16:00 Uhr

Barmstedt | Zu wenig Unterricht im Land und zu wenig Lehrer in der Zukunft – die Schlagzeilen der vergangenen Tage haben aktuelle und künftige Probleme an Grundschulen in Schleswig-Holstein in den Fokus gerückt (siehe Info-Kasten). Von den Entwicklungen bleiben auch die Schulen in Barmstedt und den umliegenden Dörfern nicht verschont. Die Schulleiter wünschen sich mehr Personal. Probleme bereiteten dabei unter anderem die schlechtere Bezahlung von Grundschullehrern und der länderübergreifende Wettbewerb um die besten Kräfte.

Nach einer kürzlich veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung werden bis zum Jahr 2025 bundesweit 35.000 Grundschullehrer gesucht. Wegen der fehlenden Datenlage gibt es  keine genauen Zahlen für Schleswig-Holstein, die Entwicklungen dürften laut Experten aber in der Summe auch auf den Norden zutreffen.  Bildungsministerin Karin Prien (CDU) verweist darauf, dass aktuell  noch alle Stellen besetzt werden können. „In bestimmen Schularten wie Grundschulen und Förderzentren gibt es aber einen größeren Bedarf.“ Deshalb sei die Lehrkräftegewinnung ein Schwerpunkt der Legislaturperiode. Anfang Februar wurde zudem bekannt, dass  nirgendwo in Deutschland   Grundschüler weniger Unterricht als in Schleswig-Holstein erhalten. Das geht aus einer Auflistung der Kultusministerkonferenz (KMK) hervor.  Demnach gibt es im nördlichsten Bundesland in Klasse 1 und 2 jeweils 20 Stunden  pro Woche und in Klasse 3 und 4 jeweils 26 – macht in der Summe 92. Spitzenreiter Hamburg kommt dagegen auf 108. Die Jamaika-Koalition will darauf reagieren und hat laut Prien bereits beschlossen, in den kommenden zwei Jahren jeweils eine Stunde in Klasse 1 und 2 mehr Unterricht einzuführen.

140 Schüler hat die Grundschule Hörnerkirchen derzeit. Schulleiterin Sabine Bertels (Foto) ist glücklich darüber, alle Stellen mit Fachpersonal besetzen zu können. „Wir am Hamburger Rand haben besonders Probleme, Lehrkräfte zu bekommen. Hamburg bietet einfach bessere Arbeitsbedingungen“, erklärt sie die Situation. „Dafür bringen sich externe Kräfte intensiver an den kleinen Schulen ein. So können wir AGs anbieten wie Nähen, Malen, einen Chor und sogar Philosophie. Und auch deshalb lasse ich mir die Freude an meinem Beruf von Politikern nicht nehmen“, sagt sie.

Auch Anke Bothe, Leiterin der Barmstedter James-Krüss-Schule (JKS) und der Außenstelle Bokholt-Hanredder, erlebt die Probleme mit all ihren Auswirkungen im schulischen Alltag. „Als verlässliche Grundschule müssen wir alle Stunden erfüllen. Dazu benötige ich alle verfügbaren Lehrkräfte. Sobald jemand krank wird, müssen Maßnahmen ergriffen werden, um die Betreuung der Kinder sicherzustellen. Dazu werden beim Sportunterricht Klassen zusammengelegt oder in andern Fächern die Schüler auf andere Klassen verteilt.“

JKS benötigt mehr Fachkräfte

Die JKS ist zweizügig in den Klassen eins bis vier und es gibt zusätzlich eine DAZ-Klasse (Deutsch als Zweitsprache). „Die Planstellen sind zwar alle besetzt. Aber um die Qualität des Unterrichts sicher zu stellen, brauche ich mehr Fachkräfte“ so Bothe. Sie muss auf Seiteneinsteiger zugreifen, um die geforderten Stunden zu erfüllen. „Die Lehrkräfte sind sehr engagiert, aber eben neu im System Schule. Ich wünsche mir einen bundesweit einheitlichen Standard für die Qualifizierung der Quereinsteiger. Die pädagogische Arbeit ist die Basis, um fachlich arbeiten zu können.“

An der JKS gebe es etliche Zusatzangebote wie eine vom BMTV betreute Handball-AG, so Anke Bothe (Foto) weiter. Besonders stolz sei sie auf den Schulchor, der jeden Freitag probe. Neu ist das Angebot eines Schreibmaschinenkurses, der in Zusammenarbeit mit dem „Leuchtturm“ angeboten wird. „Ich wünsche mir per sofort mehr ausgebildete Lehrfachkräfte, eine Anpassung der Besoldung wie in anderen Schularten für die Grundschullehrer, eine Absenkung der 28 Stunden für eine volle Stelle und die Senkung der Unterrichtsverpflichtung von Schulleitungen. Außerdem rege ich für Barmstedt die Einführung von Unterrichtsverstärkern so wie in Elmshorn an. Das sind ausgebildete Erzieher, die von der Stadt bezahlt werden und die Ganztagsbetreuung mit sicherstellen.“ Ihre Anwesenheit könne die Schule deutlich entlasten. „Ich habe mal gedacht, ich könnte mehr gestalten – aber dazu brauche ich Personal“, sagt Bothe.

GSS arbeitet auch mit Seiteneinsteigern

Den gleichen Wunsch äußert auch Joachim Borstelmann, kommissarischer Leiter der Gottfried-Semper-Schule (GSS). An der Grundschule werden dort 250 Schüler unterrichtet. Bis auf den dritten seien alle Jahrgänge dreizügig. Hinzu komme die DAZ-Klasse mit 13 Schülern. „Um die geforderte Stundenzahl an Unterricht leisten zu können, müssen auch wir mit Seiteneinsteigern arbeiten“, so Borstelmann Den Wettbewerb der Bundesländer um Lehrkräfte habe er hautnah miterlebt. „Eine sehr gute Quereinsteigerin mit einem befristeten Vertrag von einem Jahr konnten wir nicht halten. In Niedersachsen bekam sie sofort ohne Ausschreibung einen unbefristeten Vertrag mit der Möglichkeit der zusätzlichen Fortbildung. Ich habe alles versucht und viel gekämpft, aber verloren“, so ein frustrierter Schulleiter.

Die Zusatzangebote an seiner Schule würden bewusst auf Förder-AGs wie Matheintensivförderung beschränkt, so Joachim Borstelmann (Foto). Aber auch eine Chor-AG gebe es und von externen Kräften werde ein Gitarrenkurs oder auch Hausaufgabenhilfe angeboten. Die Schule biete gute Lernerfolge, berichtet er. „Mein Wunsch für unsere Schule ist, das die Stadt beim Thema Medien endlich einmal Nägel mit Köpfen macht. Erst eine Bestandsaufnahme, dann ein neuer Ausschuss, dann ein Konzept – das dauert einfach zu lang“, meint Borstelmann.

Hamburg ist für Fachkräfte attraktiver

Mit ihren 40 Kindern ist die Ellerhooper Außenstelle der Gottfried-Semper-Schule eher überschaubar. Alle Grundschüler sind in zwei Familiengruppen aufgeteilt, jede Gruppe mit den Klassen eins bis vier. Auch hier ergänzen Seiteneinsteiger und Schulassistenten die Fachkräfte. „Das bedeutet immer mehr Arbeit für die Fachkräfte, da eingearbeitet und begleitet werden muss“, so Lehrerin Martina Lorenzen-Kirsch (Foto). Viele Fachkräfte würden zudem nach dem Studium lieber nach Hamburg gehen. „Da sind die Bedingungen einfach besser.“ Männliche Referendare kämen kaum noch an die örtliche Schulen.

Ärger über Vorwurf der Kuschelpädagogik

Die Grundschule Hemdingen hat derzeit 120 Schüler. Die Fachkräfte werden durch Schulassistenten und eine Schulsozialarbeiterin unterstützt. „Unsere Situation ist aufgrund der Stundenzuweisungen ganz komfortabel“ so Schulleiterin Regina Knösel (Foto). „Wenn mehr Unterricht, dann würde ich gern das Fach Methodik anbieten. Auch Englisch und Musik könnte mehr sein, aber es gibt ja keine Fachkräfte.“ Entschieden weist sie den von Bildungsministerin Karin Prien (CDU) geäußerten Begriff der „Kuschelpädagogik“ an den Grundschulen zurück. Prien hatte in einem Interview mit unserer Zeitung in Bezug auf die Grundschulen in Frage gestellt, ob die „Kuschelpädagogik der vergangenen Jahrzehnte“ immer richtig gewesen sei. „Da wird unser Beruf in die Lächerlichkeit gezogen“, sagt Knösel. „Jetzt wieder ein neuer Ausschuss und eine neue Erhebung, das ist doch nur für die Presse. Da sollte mal ein Politiker einen ganzen Tag mitlaufen um mitzuerleben, was wir hier leisten müssen. Vielleicht denken die dann anders darüber.“ Trotz allem: „Ich bin gern Lehrerin“.

Ähnlich reagiert auch Christiane Ringlstetter-Franz (Foto), Leiterin der Grundschule Wiepeldorn in Sparrieshoop und der Außenstelle Lutzhorn auf den Begriff „Kuschelpädagogik“. „Ich weiß nicht, was die Ministerin damit meint. Unsere Kleinen brauchen Nähe, brauchen klare Kante, ganz viel Pädagogik und Erziehung. Wir haben ein klares Ziel und sind leistungsbewusst. Was ist daran falsch?“

Schlechtere Bezahlung als Problem

In der Außenstelle der Klein-Offenseth Sparrieshooper Grundschule werden 57 Kinder unterrichtet. Seiteneinsteiger gibt es hier nur im Fach Sport. „Mit der Zuweisung an Stunden durch das Schulamt bin ich voll zufrieden. Ich kann die geforderten 92 Stunden auch voll abdecken. Aber woher bekomme ich die Lehrer, wenn es um Ausfall durch Schwangerschaft oder Pensionierung geht. In Schleswig-Holstein will doch kaum einer an einer Grundschule unterrichten. Warum werden diese Lehrkräfte so viel schlechter bezahlt wie Gymnasiallehrer? Wir machen doch die gleiche Arbeit,“ sagt Ringlstetter-Franz. Trotz allem seien sie und ihre Kollegen mit viel Herzblut dabei, so die Schulleiterin. An der Schule gebe es Zusatzangebote wie eine Plattdeutsch- und Flöten-AG durch externe Kräfte. Auch Schwimmunterricht sei durch finanzielle Unterstützung der Gemeinde möglich. „Von unseren 57 Schülern kommen über 20 aus Randgemeinden. Eltern wählen die Lutzhorner Schule, weil ihre Kinder die familiäre Atmosphäre benötigen, um in Ruhe wachsen zu können.“

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