„Angst, dass sowas wieder passiert“ : Glatteis: Barmstedter stürzt auf nicht gestreuter Straße auf den Rücken

Spiegelglatte Wege: Das wurde einem Barmstedter am 7. Januar zum Verhängnis.
Spiegelglatte Wege: Das wurde einem Barmstedter am 7. Januar zum Verhängnis.

Nach Angaben der Verwaltung ist die Chance auf Schmerzensgeld für den Betroffenen gering.

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19. Januar 2017, 12:30 Uhr

Barmstedt | Es ist Samstag, der 7. Januar. Überfrierender Regen hat die Straßen und Gehwege in Barmstedt in Eisflächen verwandelt. Wo nicht gestreut wird, ist es spiegelglatt. Am Nachmittag machen sich Michael Hagen (Name geändert) und seine Frau von ihrem Haus an der Norderstraße zu Fuß auf den Weg in die Stadt. Anfangs geht alles gut, doch als Hagen im Bereich der Kleinen Gärtnerstraße eine Nebenstraße überqueren will, reißt es ihm die Füße weg. Der Bereich ist dermaßen glatt, dass der 53-Jährige sich nicht auf den Beinen halten kann und stürzt. „Ich bin wie ein Käfer auf den Rücken gefallen.“

Gerichte urteilen unterschiedlich: Wer bei Glatteis und Schnee offensichtlich nicht gestreute Wege benutzt, gehe das Risiko ein, sich bei einem Sturz zu verletzen, urteilte das Landgericht Trier. Zwar müsse der Hausbesitzer haften, doch bekam der risikobereite Fußgänger eine Mitschuld. Betreiber von Einkaufsmärkten hingegen müssen eisglatte Stellen auf ihren Kundenparkplätzen durch Streuen entschärfen (OLG  Düsseldorf). Ein Marktbetreiber, der diese Pflicht vernachlässigte, wurde zur Zahlung von mehr als 12500 Euro verurteilt, weil eine Kundin ausrutschte. Auch eine Gemeinde, die eine Fußgängerbrücke nicht gestreut hatte, wurde zu Schmerzensgeld verurteilt (OLG Nürnberg).

Er habe unter Schock gestanden, sich aufgerappelt und gedacht, „das wird schon wieder“, sagt Hagen. Dann sei er nach Hause gegangen und habe sich hingelegt. Nach einiger Zeit habe er keine Luft mehr bekommen, berichtet der Barmstedter. Er habe seine Frau gebeten, den Notarzt zu rufen. Als der eintraf und ihn aufforderte aufzustehen, sei ihm plötzlich schwarz vor Augen geworden. Kurz darauf habe er drei Kreislaufzusammenbrüche erlitten.

Damit die daraufhin alarmierten Sanitäter ihn zum Rettungswagen transportieren konnten, musste die Feuerwehr gerufen werden, sagt Hagen. „Die Straße war so glatt, dass das sonst nicht gegangen wäre.“ In der Notaufnahme des Elmshorner Krankenhauses, wo er gegen 19 Uhr eingeliefert wurde, habe er bis Mitternacht warten müssen. „Es war total überfüllt.“ Als er schließlich drankam, sei er geröngt und mehrmals untersucht worden. Ergebnis: „Ich hatte mir nichts gebrochen, aber mein Rücken mehrfach geprellt.“ Eine Woche verbrachte er im Krankenhaus; am vergangenen Sonntag wurde er entlassen. Er habe „immer noch Schmerzen und Angst, dass mir sowas wieder passiert“, sagt er – und dass er überlegt habe, die Stadt oder die Anwohner auf Schmerzensgeld zu verklagen.

Doch das dürfte schwierig werden. Zum einen sei die Stadt für die Räumung des betroffenen Bereichs nicht zuständig, wie Pressesprecher Wolfgang Heins auf Anfrage unserer Zeitung sagte. Und selbst, falls das der Fall gewesen wäre, seien die Chancen auf Schmerzensgeld minimal. „Wir hatten schon Dutzende solcher Fälle, und durchgekommen ist damit keiner.“ Die Gerichte und Versicherungen seien der Ansicht gewesen, dass es sich bei derartigen Glatteislagen um „besondere Naturereignisse handelt, bei denen man niemanden haftbar machen kann, wenn etwas passiert“. Zudem treffe die Verunfallten oft eine Mitschuld. „Es ist unrealistisch zu hoffen, dass es immer überall sicher ist“, sagte Heins.

Auch eine Mitarbeiterin der Eigentümerschutzgemeinschaft Haus  &  Grund in Kiel erklärte, es bestehe nicht grundsätzlich ein Anspruch auf Schmerzensgeld, wenn nicht gestreut worden sei. „Das hängt immer vom Einzelfall ab.“ So müsse man etwa betrachten, ob es sich um Blitzeis gehandelt habe oder zu welcher Tageszeit sich der Unfall ereignet habe.

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